|
|
| Viel gelernt fürs Leben |
|
Viel gelernt für's Leben... "Angriffstrupp unter Pressluftatmer zur Menschenrettung vor!" erscholl es aus dem Mund unseres Ausbilders und alle meine Befürchtungen wurden innerhalb einer Sekunde zur unangenehmen Wahrheit. "Scheibenhonig", dachte ich und streifte mir die Atemschutzmaske über. Ich war damals siebzehn Jahre alt, ging in die elfte Klasse des Gymnasiums unserer Kleinstadt und hatte mich bei einem Wettkampf der Jugendfeuerwehr für einen Lehrgang bei der Landesfeuerwehrschule unseres Bundeslandes qualifiziert. Was mich anfangs begeistert hatte, entpuppte sich nach zwei Tagen als unglaubliche Schinderei, waren unsere Ausbilder doch bemüht, wie sie sich ausdrückten, "das Beste aus uns herauszuholen", was de facto gleichbedeutend war mit brutalstmöglichem Drill, der mich, obwohl eigentlich gut durchtrainiert, jeden Tag an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit brachte. Auch den Gesichtern meiner Kameraden war abzulesen, dass sie bei Dienstende eines jeden Abends kurz vor dem Kollaps standen und so blieben die nächtlichen Aktivitäten, die wir von den Landschulheimaufenthalten unserer Schulklassen her kannten, vollkommen aus - kein Wunder bei durchschnittlich sechs Stunden Nachtruhe. Einziger Lichtblick des gesamten Lehrgangs war Jana, sechzehn, und die Exotin unseres Lehrgangs. Sie war nicht nur das einzige Mädchen, das die brutale Tortur bis zum Tag der Abschlussprüfung durchstand, sie war noch dazu nicht einmal bei der Jugendfeuerwehr, sondern Angehörige der THW-Jugend meines Heimatortes und somit quasi der Feind. Feuerwehr und THW haben sich seinerzeit in unserer Gegend nicht sonderlich gut vertragen, ein Umstand, den wir mittlerweile geändert haben - doch das ist eine andere Geschichte. Jana jedenfalls war ein Traum von einem Mädchen: schlank, etwa 1,70m groß, dunkelhaarig mit sportlich kurzem Haarschnitt und noch dazu unheimlich kumpelhaft und freundlich, schaffte sie es, eine gewisse Distanz zu wahren, ohne dabei abweisend zu wirken. Sie bekam es einfach hin auszudrücken: "lasst uns Freunde sein, aber kommt mir nicht zu nahe", ohne es in Worte zu fassen. Kurz: sie hatte schon als sechzehnjährige Stil. Ich selbst war anfangs skeptisch, als ich am Anreiseabend erfuhr, dass wir nicht nur Mädels in unserem Lehrgang haben wurden, sondern dass eine von Ihnen sogar von einer Konkurrenzorganisation stammte, und, da waren wir uns alle sicher, den ganzen Lehrgang nur aufhalten würde. Das stellte sich allerdings als Trugschluss heraus - wer dachte, dass der Lehrgang sich als nette Einführung der Sommerferien entpuppen würde, in dem man tagsüber ein wenig Jugendfeuerwehr spielen und sich nachts vergnügen würde, der war schief gewickelt. Noch am Abend unserer Anreise hielt der Leiter der Landesfeuerwehrschule eine Begrüßungsansprache, in der er unmissverständlich mitteilte, dass diejenigen, denen die Ausbildung nicht gefalle, denen sie zu hart oder zu schikanös sei, jederzeit nach Hause fahren könnten, sie sollten dazu die Fahrkarten nutzen, die in jedem Zimmer bereitliegen würden. Was folgte, waren vierzehn Tage Schinderei, Büffeln und schmerzende Knochen, in denen die Vorbehalte zwischen uns zwanzig Jugendfeuerwehrleuten und den sechs THW'lern erst schwanden und dann einsam in der Bedeutungslosigkeit dahinstarben. Jana war von allen Mädchen von Anfang an diejenige, die alle anderen anfeuerte, motivierte und mitzog - wie gesagt, Madame hatte Stil. Mit der Zeit waren die anfänglichen Vorbehalte den Schikanen der Ausbilder zum Opfer gefallen, ja, wir hatten wir uns direkt ein wenig angefreundet und festgestellt, dass wir uns im Team sehr gut ergänzten, so dass wir, wann immer das möglich war, gestellte Aufgaben zusammen erledigten. Am heutigen Donnerstagabend fand die Abschlussübung unseres Lehrgangs statt und unsere Ausbilder hatten das volle Programm aufgeboten um uns auf Herz und Nieren zu testen. Aus einem brennenden Gebäude waren Hilfeschreie zu vernehmen gewesen und Jana und mir fiel die Aufgabe zu, als erste in das Haus einzudringen, die Lage zu erkunden und vor allen Dingen gefährdete Menschen mit Hilfe von mitgeführten Fluhhauben zu evakuieren. Nachdem unsere Gruppe durch ein Kellerfenster einen Zugang geschaffen hatte, ließen wir uns auf alle Viere nieder und krochen durch die Öffnung in das Haus. Ein weit hinten liegender Teil meines Gehirns hatte registriert, dass Janas Rückpartie, die sich etwa dreißig Zentimeter vor meiner Atemschutzmaske bei dem Versuch, sich durch das enge Fenster zu zwängen, hin und her bewegte, durchaus nicht unansehnlich war - ein sehr weit hinten liegender Teil, denn im Augenblick beschäftigte sich mein Verstand eher mit den zu erwartenden vor uns liegenden Schwierigkeiten. Wie zu erwarten gewesen war, hatten die Ausbilder das gesamte Gebäude mit Nebelmaschinen verqualmt, so dass die Sicht sofort nach dem Eindringen in den Keller auf nahezu Null zurückging und Heizstrahler sorgten für eine realitätsnahe Temperatur von über sechzig Grad, so dass uns in unseren schweren Einsatzuniformen sofort der Schweiß ausbrach. Wie wir gelernt hatten, fassten Jana und ich uns bei den Händen, und suchten kriechend den gesamten Raum ab, bis wir auf die erste Puppe stießen, die unsere Ausbilder als Verletzten dort drapiert hatten. Diese Dummies waren echten Menschen nachgebildet und entsprechend schwer. Trotzdem schafften wir es, die Puppe, nachdem wir sie mit einer Fluchhaube versorgt hatten, bis zum Fenster zu ziehen, wo sie von unseren Kameraden in Empfang genommen wurde. Mittlerweile war eine zweite Gruppe an der Einsatzstelle angekommen und vier weitere Kameraden unterstützten uns bei der Erkundung und Evakuierung des brennenden Gebäudes. Ein bisschen neidisch schaute ich auf die zwei Jungs, die bei unserem Fahrzeug den Rettungstrupp stellten und im Moment nichts zu tun hatten, als darauf zu warten, dass sich einer der eingesetzten Freunde in Schwierigkeiten befinden und herausgeholt werden müsste. Das geschah jedoch nicht und nach etwa 20 Minuten konnte Jana unserem Ausbilder das Haus als abgesucht und evakuiert melden, was gleichzeitig die Übung für uns beendete. "Gute Arbeit, Tim und Jana" meinte Herr Stövert, unser Ausbildungsleiter, der den Übungsverlauf auf den Monitoren der Wärmebildkameras verfolgt hatte, "Ihr bewegt Euch sehr harmonisch im Team und habt ein gutes Suchmuster abgearbeitet. Weiter so - bestanden." Wir beide mussten gegrinst haben wie die Honigkuchenpferde, denn Herr Stövert verfiel sofort wieder in den für ihn so typischen Bundeswehr-Slang: "Das ist überhaupt kein Grund so blöd zu grinsen, Frau Schneider und Herr Bischof, morgen kommt noch der theoretische Teil und außerdem kann man nach zwei Wochen Ausbildung erwarten, dass zwei Feuerwehrleute einen simplen Kellerraum absuchen können. Und jetzt schert Euch unter die Dusche, so bekommt ihr in MEINER Schule kein Abendessen!" Wir sagten brav: "Jawohl, Herr Stövert." Und machten, dass wir wegkamen. An unserem Fahrzeug angekommen, entledigten wir uns zunächst unserer Helme, als Jana meinte: "Herr Stövert hat recht, wir waren wirklich gut - was die harmonische Bewegung angeht, meine ich...", und grinste mich schelmisch an. Wie sie dastand in Ihrem staubbedeckten blauen Einsatzanzug, mit strubbeligen, verschwitzen Haaren, der Atemschutzmaske vor ihrer Brust baumelnd, der Pressluftflasche auf dem Rücken, noch ein bisschen Kellerschmutz auf der Wange und hinter ihr die Sonne rot untergehend, hätte ich sie beinahe geküsst. Allerdings beschränkte ich mich darauf, ihr zärtlich den Schmutz von der Wange zu wischen und ihr in die Augen zu schauen - ein Blick, dem sie nicht auswich, wie ich voller Freude feststellte. "Ja, aber wir sollten trotzdem noch ein bisschen daran arbeiten... an der Bewegung und so...". Jana lächelte, zwinkerte mir zu und wandte sich zum Fahrzeug um, um das Atemschutzgerät abzusetzen und ich tat es ihr nach. Auf das Kommando "Aufsitzen" stiegen wir ein und verliessen das Übungsgelände in Richtung der Schul- und Wohngebäude. Dort angekommen, traten wir wie immer gruppenweise vor unseren Fahrzeugen an und Herr Stövert und die anderen Ausbilder versammelten sich hinter dem Schulleiter, der sich mit lauter Stimme an uns wandte. "Meine Herren und vor allem meine Dame, der praktische Teil Ihres Lehrgangs ist mit der heutigen Abschlussübung beendet...". Pause. "...überaus erfolgreich beendet, wie ich bemerken darf. Wir alle waren in den vergangenen zwei Wochen nicht gerade milde mit Ihnen... aber das werden Sie wohl selbst bemerkt haben!" Leises Lachen und der eine oder andere Stoßseufzer gingen durch unsere Reihen und von Jana zu meiner Linken kam ein leises "das kannst Du laut sagen, verdammter Schinder...", was mich wieder unziemlich breit Grinsen ließ. "Wir Ausbilder haben Sie bewusst bis an die Grenze Ihrer Belastbarkeit getrieben und den oder die eine oder andere vielleicht auch ein wenig darüber hinaus - wir haben das aber aus dem Wunsch heraus getan, Ihnen in der knappen Zeit, die uns für Ihre Ausbildung zur Verfügung steht, das Maximum an Wissen und Erfahrung zu vermitteln, das Sie aufzunehmen im Stande sind." Wieder eine Pause. "...und ich muss sagen, wir alle sind sehr stolz auf die von Ihnen erbrachten Leistungen und darauf, mit ihnen zusammengearbeitet haben zu dürfen! Nutzen Sie das gelernte in Ihren Heimatorganisationen und wir alle sind sicher, sie werden wertvolle Einsatzkräften und engagierte Mitglieder der Gesellschaft sein. Es fällt mir nicht leicht, dieses Wort auszusprechen, aber bis zur theoretischen Abschlussprüfung morgen früh - an deren Ergebnis ich persönlich nicht den geringsten Zweifel hege, haben Sie - Freizeit!" In diesem Moment begannen alle Ausbilder und sogar der Schulleiter persönlich laut Beifall zu klatschen und zu pfeifen, so dass wir uns in diesen Augenblicken fühlten wie die Könige der Welt und augenblicklich in den allgemeinen Applaus einfielen - in diesem Moment waren wir unseren Lehrern für die harte Ausbildung sogar dankbar. Jana griff im allgemeinen Jubel freudestrahlend und überglücklich nach meiner Hand, umarmte mich und drückte mir ein kleines Küsschen auf die Wange. "Geschafft!", wisperte sie mir in mein Ohr und ließ meine Hand erst wieder los, als unsere Kameraden uns umringten und ein riesiges gegenseitiges Schulterklopfen und umarmen einsetzte. Wenig später begaben wir uns auf unsere Zimmer und ich schälte mich aus meinen Einsatzklamotten, wickelte mir mein Handtuch um die Hüften und lief pfeifend in Richtung Dusche, meine schmerzenden Muskeln und Knochen geflissentlich ignorierend. "Die Schinderei ist vorbei und die großen Ferien liegen vor Dir, Alter, es kann alles nur noch besser werden", dachte ich bei mir, lief an der Tür der Damenduschen vorbei, bog schwungvoll um die Ecke in Richtung Herrendusche - und prallte voll gegen eine ebenfalls in ein Handtuch gehüllte Gestalt, die einen überraschten Ausruf ausstieß und stolpernd um ihr Gleichgewicht kämpfte - Jana. "Sie schon wieder, Herr Bischof - wenn Sie doch im Einsatz auch so schnell wären, wie in der Freizeit - dann könnte fast ein guter Feuerwehrmann aus Ihnen werden!", äffte sie Herrn Stövert gekonnt nach und fügte nach einem Blick auf meinen Körper leise hinzu: "eigentlich sollte das Tragen von Handtüchern auf dem Gang verboten werden, findest Du nicht?" Ich war völlig ihrer Meinung, denn was ich da bei unserem Zusammenprall unter dem Stoff ihres Handtuchs gefühlt hatte, war wirklich anregend gewesen. Wie es aber oft in solchen Situationen so ist, kam aus meinem Mund nur ein "Ääh... wenn Du meinst..." und Jana entschwand mit einem "Wir sehen uns!" um die Ecke in Richtung "Damen". Kopfschüttelnd und ein wenig ärgerlich über mich selbst setzte auch ich meinen Weg fort und grummelte leise: "Meine Damen und Herren, aus aktuellem Anlass ändern wir unser heutiges Duschprogramm auf 'kalt'." Glücklicherweise war ich alleine im Duschraum. |