Gays treffen 8

Am folgenden Sonntag hatte Fabian endlich mal wieder etwas Zeit. Sie mußten nicht proben und er nicht lernen. Ihm fiel auf, daß er Britta und Uli in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt hatte. Er beschloß, sich erst mal mit Britta zu treffen. Er rief also bei ihr an. Zu seinem Glück war sie da. „Du hältst mich gerade vom Joggen ab“, sagte sie. „Oh, ich wollte natürlich nicht stören.“ „Bewahre! Meinst du, ich mache das gerne? Also, was gibt’s?“ „Ich wollte fragen, ob du Lust hast vorbeizukommen, dann reden wir ein bißchen“, schlug Fabian vor. „Klar, bin schon unterwegs“, stimmte Britta zu. „Na, dann bis gleich.“
Einige Minuten später stand Britta vor seiner Tür. „Hallo!“ Fabian ließ sie rein. Sofort war der Hund zur Stelle, um die Besucherin zu begrüßen. „Also, gehen wir hoch?“ Britta nickte zustimmend. Die zwei begaben sich also in Fabians Zimmer. „Setz dich doch.“ Fabian wies auf das Sofa, auf dem Britta auch sogleich Platz nahm. „Nun, was hast du auf dem Herzen?“ Britta sah Fabian neugierig an. „Wieso? Kann ich dich nicht einfach mal zu mir einladen?“ „Nein, da steckt doch was dahinter“, vermutete Britta. „Sicher, es könnte auch sein, daß ich mich täusche, aber...“ „Nein, nein. Wahrscheinlich hast du recht“, meinte Fabian schließlich einsichtig. „Ich glaube, ich bin derjenige, der nicht mitgekriegt hat, daß ich was zu erzählen habe. Hätte. Theoretisch.“ „Wieso nur theoretisch?“, fragte Britta. „Naja, die Sache ist nicht ganz einfach.“ Fabian ließ sich auf sein Bett fallen. „Es geht bestimmt um Liebe oder?“ Britta grinste. „Na dann mal raus mit der Sprache.“ Fabian zögerte. „OK. Also hör zu. Du hast natürlich wieder recht. Es geht um Liebe. Und zwar bin ich ziemlich verschossen in jemanden. Allerdings ist der, die, das Jemand verheiratet und will das auch bleiben.“ „Nun -“ Plötzlich hielt Britta inne. Ihre Kinnlade klappte herunter. „Ach du scheiße! Du meinst doch nicht...es wird doch nicht...“ „Was denn?“, wollte Fabian beunruhigt wissen. „Es ist...Herr Teschner!“ Fabian sagte gar nichts. Sie hatte ihn durchschaut. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte er aber nur. „Auf einmal ist mir das klar geworden! Jetzt wo du’s sagst...schon in der ersten Deutschstunde wolltest du alles von ihm wissen!“ Britta schüttelte den Kopf. „Was läuft da, Fabian? Du machst ja hoffentlich keine Dummheiten!“ „Ach, Blödsinn“, wehrte Fabian ab. „Er weiß ja gar nichts davon!“ Er biß sich auf die Lippen. Er konnte Britta nicht die Wahrheit sagen. Das war völlig unmöglich. „Dann ist ja gut! Weiß der Himmel, was alles passieren könnte.“ Britta lehnte sich einigermaßen beruhigt zurück. „Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“ Fabian hätte sich diese Frage auch sparen können. Wenn Britta nicht die ganze Geschichte kannte, nützte ihre Meinung wenig. „Naja, du solltest dir unseren lieben Lehrer lieber ganz schnell aus dem Kopf schlagen. Gibt es keinen anderen, mit dem du...“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ausgehen könntest?“ „Naja, schon, aber...“ Fabian stockte. „Ja, du hast recht. Da ist noch jemand anders. Er hat mich auch schon gefragt, ob ich mit ihm mal weggehe.“ Das war schließlich keine Lüge und so kam Fabian am schnellsten aus der Sache raus. „Siehst du, das Problem löst sich ganz von selbst.“ Britta sah zufrieden aus. Fabian hingegen fühlte sich auf einmal gar nicht mehr so wohl. Hätte er sie doch bloß nicht angerufen! Wieder einmal eine seiner fixen Ideen! Er mochte Britta ja. Aber jetzt im Moment war es ihm gar nicht mehr so recht, daß sie da war. Er mußte sie irgendwie loswerden, nur um sich selbst vor noch größeren Dummheiten zu bewahren. „Ach du je...“ Er ließ sich in die Kissen sinken und legte sich eine Hand auf den Kopf. „Ich habe auf einmal so schreckliche Kopfschmerzen.“ Fabian verzog das Gesicht. „Wirklich?“ Britta schaute besorgt zu ihm herüber. „Ja. Auf einmal. Ich glaube, mir wird schlecht...“ „Oh, oh! Dann gehe ich besser! Vielleicht hast du einen Virus und steckst mich an!“ Sie sprang vom Sofa auf und ging zügig zur Zimmertür. „Also, gute Besserung dann.“ Fabian schaffte ein gequältes Nicken. Dann ging Britta aus dem Zimmer. Fabian hielt kurz den Atem an. Als er die Haustür hörte, atmete er erleichtert auf. Er drehte sich auf den Bauch und starrte sein Kopfkissen an. Wütend schlug er mit der Faust in die weichen Federn. Was war er nur für ein Dummkopf! So ein Leichtsinn! Am liebsten wollte er die Episode eben schnell vergessen. Sicher, Britta hatte ihm seine Geschichte sicher abgenommen. Aber wieso mußte er nur immer so leichtsinnig werden, wenn alles gerade so...perfekt war. Er versuchte sich selber zu beruhigen. Sie würde sicher nicht mehr viel über sein Problem nachdenken. Sie hatte bestimmt auch andere Sachen zu tun. Außerdem würde sie sicher keinem was erzählen. Fabian hoffte für sich selber, daß er Recht behielt.

Der Montag und der Dienstag verliefen ziemlich ereignislos. Fabian mußte zwar einen Physiktest schreiben, aber da es keine Klausur war, hatte er dafür nicht zu viel lernen müssen. Am Mittwoch war wie am Montag wieder Fußballtraining. Als dieses zu Ende war, Fabian wollte gerade in seinen Wagen steigen, wurde er von seinem Trainer angesprochen. „Gut, daß du noch da bist“, sagte er ganz außer Atem vom Laufen. „Habe ich dich gerade noch erwischt.“ „Was gibt es denn?“, wollte Fabian wissen. „Ich wollte dich fragen, ob du noch ein wenig mit zu mir kommen willst. Karin kommt heute erst irgendwann in der Nacht wieder.“ Fabian sah Jan Teschner überrascht an. „Das ist ja mal eine nette Überraschung“, sagte er. „Klar komme ich mit.“ „OK. Du kommst am besten nach. Ich fahre schon mal.“ Jan ging zügig zu seinem Auto. Fabian sah ihm nach, als er vom Gelände fuhr. Dann setzte auch er sich in den Wagen und fuhr in gemächlichem Tempo in Richtung der Wohnung.
Fabian klingelte bei Teschners an der Haustür. Er wurde bald darauf von Jan in die Wohnung gelassen. „Wohin?“ Fabian sah Jan fragend an. „Wohnzimmer, würde ich sagen“, erwiderte Jan. Also gingen die beiden ins Wohnzimmer und nahmen wie gewöhnlich auf der Couch Platz. „Wirklich gut, daß ich hier bin“, meinte Fabian zufrieden. Jan nickte zustimmend. „Wir sollten keine Zeit verlieren“, meinte er dann und rückte etwas näher an Fabian heran. „Vorteilhaft, daß diesmal kein Rotwein in der Nähe ist.“ Fabian lächelte. „So lustig ist das gar nicht, Karin war ziemlich wütend“, sagte Jan. Er fing an, Fabian langsam auszuziehen. Dieser rührte sich kaum. Erst als Jan anfing, ihn auch noch zu streicheln, erwiderte er die Zärtlichkeiten. Bald war alles andere für die beiden unwichtig, sie nahmen kaum noch etwas anderes war, als sich selbst. Erst das plötzlich Geräusch der Haustür ließ die beiden aufschrecken. „Was war das?“ Fabian sah Jan ängstlich an. „Ich weiß nicht -“ Er kam nicht weit. „Jan! Ich bin schon wieder da“, sagte eine Frauenstimme. Ehe Jan oder Fabian etwas tun konnten, erschien auch schon die zu der Stimme gehörende Person im Wohnzimmer: Karin, Jans Ehefrau. „Ich konnte früher gehen, weil -“ Ihr Blick traf erst Fabian, dann Jan, so gnadenlos wie ein Messer. „Was geht hier vor?“, fragte sie langsam. „Karin, weißt du -“ Jan war von der Couch aufgesprungen. „Wer ist das, Jan?“ Karin kam auf ihn zu und sah über seine Schulter zu Fabian. Der saß da, kaum bekleidet, starr vor Schreck wie ein Eisblock, unfähig, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. „Ich kann das alles erklären“, begann Jan. „Ach, hör doch auf zu reden wie in einer billigen Seifenoper! Ich habe doch Augen im Kopf“, rief Karin ungehalten. Jan schwieg. Fabian blickte langsam zu ihm auf. „Ich gehe dann jetzt“, brachte er leise hervor. Keiner der beiden Eheleute gab einen Kommentar dazu. Hastig zog Fabian sich seine Anziehsachen über und stürmte dann zur Haustür. Als er draußen war, konnte er Karins laute Vorwürfe aus dem Haus hören.
Durch den Schleier von Tränen fiel es Fabian schwer, die Straße vor sich zu erkennen. Auch war es schwierig für ihn, sich auf das Fahren zu konzentrieren, denn in Gedanken war er ganz woanders. In seinem Kopf wirbelte alles wie bei einem Tornado durcheinander. Warum mußte das alles so enden mit ihm und Jan. Es war doch so perfekt gewesen, nahezu perfekt. Und dann, auf einmal, sollte alles vorbei sein? Fabian schluchzte. Das war alles nicht fair! Und was würde jetzt passieren? Er wußte es nicht. Ohne es zu merken war Fabian schon bei sich Zuhause angekommen. Er hielt vor der Garage und blieb starr in dem Wagen sitzen. Was sollte er jetzt tun? Abwarten? Was gab es denn schon für Möglichkeiten. Er gab sich einen letzten Ruck und stieg aus dem Auto. Aber er konnte jetzt unmöglich mit jemandem sprechen. Schnell schloß er die Haustür auf und trat ein. Ohne sich nach jemandem umzusehen lief er die Treppe hoch in sein Zimmer. Er wollte niemanden sehen oder hören. Er warf sich auf sein Bett. Wieder konnte er die Tränen nicht aufhalten, die in seine Augen stiegen. Er wollte es auch nicht. Es war das erste Mal seit Jahren, daß Fabian sich in den Schlaf weinte.
Am nächsten Morgen wollte Fabian nicht aufstehen. Doch er mußte ja. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Zur Schule zu gehen war die einzige Möglichkeit, Jan wiederzusehen und zu erfahren, wie es weitergehen sollte. Also zog sich Fabian um und nahm seine Schultasche. Er kümmerte sich nicht darum, was er für Fächer hatte. Er nahm einfach alles so in der Tasche mit, wie es war. Wie in Trance ging er die Treppe hinunter. Als er unten stand, überlegte er kurz. Sollte er in die Küche gehen? Seine Mutter würde da sein. Nein, er war nicht in der Lage, jetzt jemanden zu sehen. Er mußte erst wissen, woran er war. Also verließ er das Haus so schnell wie möglich und fuhr mit dem Wagen zur Schule.
An der Schule angekommen, überkam Fabian ein Unwohlsein, als er auf das Schulhaus zuging. Alles war wie immer, zumindest schien es so. Fabian betrat das Gebäude, in dem wie jeden morgen Schüler verschiedenen Alters herumliefen, standen oder saßen. Fabian hatte jetzt eine Doppelstunde Physik. Er nahm kaum war, was durchgenommen wurde. Außerdem war er froh, daß er noch niemanden von seinen Freunden getroffen hatte. Er wollte erst Klarheit haben.
Eben diese Klarheit bannte sich an, als es zur großen Pause klingelte. Fabian ging zügig aus dem Klassenraum und lief die Treppe ins Erdgeschoß hinunter, um zum Lehrerzimmer zu gehen. Ungeduldig schaute er sich nach Herrn Teschner um. Etliche Schüler standen noch vor dem Lehrerzimmer, um irgendwelche Sachen abzugeben oder einen kleinen Plausch zu halten. Nach einigen endlosen Minuten sah Fabian ihn. Jan Teschner kam um die Ecke und erblickte Fabian. Einen Moment lang blieb er stehen und starrte ihn an. Dann setzte er seinen Weg fort und sprach Fabian an. „Ich muß mit Ihnen reden.“ Er öffnete die Tür zum Sprechzimmer und Fabian trat ein. Jan schloß die Tür und sagte: „Setz dich.“ Fabian tat, wie ihm geheißen und nahm auf einem Stuhl Platz. Er sah Jan an. „Es ist wichtig, daß du mir jetzt zuhörst“, sagte dieser. „Sicher.“ Fabian nickte. „Aber sag doch bitte, wie es weitergehen soll.“ „Gut.“ Jan lehnte sich an die Wand. „Meine Frau ist bereit, mir zu verzeihen. Ich kann bei ihr bleiben. Und wie du weißt, will ich das auch, weil ich sie liebe.“ Fabian schwieg. „Aber wir dürfen uns nicht mehr sehen“, fuhr der Lehrer fort. „Das ist ihre Bedingung und ich werde sie ihr erfüllen. Sonst würde sie alles bei der Schulbehörde melden.“ „Sie erpreßt dich.“ Fabian schüttelte den Kopf. „Und das läßt du dir gefallen?“ „Du mußt doch zugeben, es ist ihr gutes Recht. Sie kann die Bedingungen nennen.“ Jan ging im Raum auf und ab. „Ich sehe das auch alles ein. Es war ein großer Fehler -“ „Was war ein Fehler?“ Fabian war aufgesprungen. „Du wolltest mich doch! Und jetzt? Ich bin dir doch völlig egal.“ „Red doch keinen Unsinn. Wir hatten unseren Spaß, ja, aber -“ „Spaß?“ Fabian sah Jan durchdringend an. „Das war kein Spaß für mich.“ Jan holte tief Luft. „Hör mal. Ich weiß nicht, ob es so gut ist, wenn wir uns hier fast täglich über den Weg laufen. Meinst du nicht, es wäre besser, wenn du auf einen andere Schule gehen würdest?“ Fabian schaute Jan fassungslos an. „Damit du deinen Fehler schnell wegschieben und vergessen kannst, verstehe.“ Jan kam auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Fabian, ich -“ Fabian riß sich los. „Faß mich nicht an.“ Er drehte sich um und öffnete die Tür des Zimmers. „Wahrscheinlich war es wirklich ein Fehler...daß wir uns jemals begegnet sind.“ Mit diesen Worten verließ Fabian den Raum und seinen Lehrer zurück.
Fabian spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Doch er mußte sich beherrschen. Wenigstens, bis er aus diesem furchtbaren Schulhaus draußen war! Die große Pause war gerade zu Ende, die meisten Schüler waren schon in die Klassenräume gegangen. Doch Fabian hatte keine Lust mehr, noch länger hierzubleiben. Er wollte weg, alleine sein.
Fabian stieß die Tür zum Schulhof auf. Es hatte mittlerweile angefangen zu regnen. Fabian blieb regungslos im Regen stehen. Er konnte wieder von vorne anfangen. War Jan es wert, ihm hinterher zu trauern? Er hatte ihn doch nur ausgenutzt, das hatte diese Gespräch mit ihm zutage gefördert. Auch für Fabian selbst würde es wirklich besser sein, nie wieder diese Schule zu betreten. Fabian fuhr sich durch die durchnäßten Haare. Wie aber sollte er das alles seinen Eltern erklären? Die paar Wochen, die er auf der Schule hier war. Er konnte ihnen nicht die Wahrheit sagen. Und Britta? Und Uli, und Harry? Er hatte sie alle gerne. Er konnte sie doch nicht einfach so ohne ein Wort verlassen. Außerdem, das fiel Fabian gerade ein, war auch noch am nächsten Tag der Musikabend. Für den hatten sie so lange geprobt. Das konnte er nicht einfach hinschmeißen. Er würde morgen seine Abschiedsvorstellung geben, und was für eine. Seinen neuen Freunden würde er schon etwas halbwegs glaubwürdiges erzählen können. Und sie konnten sich ja auch weiterhin sehen. Er beschloß, daß er aufhören mußte, wie ein Baby zu heulen. Nein, Jan war das nicht wert. Aber wie um alles in der Welt sollte er seinen Eltern diese Misere erklären?
Diesen Felsen mußte Fabian an diesem Abend erklimmen. Er ging nervös im Wohnzimmer auf und ab, weil er abwarten mußte, bis beide Elternteile Zuhause waren. Nach einiger Zeit des Wartens war es dann soweit. Seine Eltern kamen nach Hause. Als sie durch die Haustür traten, empfing sie Fabian mit folgenden Worten: „Mama, Papa: Ich muß mit euch reden. Jetzt gleich.“ Das Ehepaar Sander sah sich neugierig an. „Na gut, dann mal los.“ „Gehen wir ins Wohnzimmer“, schlug Fabian vor. Die Familie begab sich also samt Hund in die Wohnstube. „Setzt euch bitte.“ „Das kommt mir ja alles gar nicht gut vor“, vermutete sein Vater. Fabian überging diese Bemerkung und begann zu erzählen: „OK, hört mir zu: Ich kann nicht mehr auf diese Schule gehen.“ Die Sanders fielen aus allen Wolken. „Aber Fabian! Wieso denn nicht?“ „Das will ich ja gerade erzählen“, fuhr der Sohn fort. „Ich weiß, ich bin erst einige Wochen auf der neuen Schule. Es lief auch immer alles ganz gut, ich habe neue Freunde gefunden, aber -“ Fabian sah seine Eltern ratlos an. „Ich kann es nicht erklären.“ „Was gibt es, was du uns nicht sagen kannst?“, wollte seine Mutter wissen. „Du weißt doch, daß du über alles mit uns reden kannst.“ „Ja, Mama. Ich weiß. Aber diesmal ist es nicht so einfach. Um es einfach zu sagen, ich habe Mist gebaut. Und ich kann das nur halbwegs ausbügeln, wenn ich die Schule so schnell wie möglich wechsle.“ „Was hast du gemacht?“, fragte sein Vater beunruhigt. „Ich kann euch das nicht sagen. Ihr müßt mir diesmal einfach nur vertrauen“, bat Fabian. „Das ist schwer, wenn es so ernst ist, wie es sich anhört“, meinte Anne Sander. „2Ja, ich kann mir das vorstellen. Aber bitte, ich flehe euch an: nehmt mich von dieser Schule. Es wird dann alles wieder in Ordnung kommen.“ „Also, wenn es so wichtig für dich ist“, ergriff sein Vater nach einer Weile das Wort. „Dann machen wir das. Vielleicht erzählst du uns irgendwann, warum.“ „Ich danke euch! Vielen Dank!“ Fabian fiel seinen Eltern um den Hals. „Ich schulde euch was. Aber ich kann es euch wirklich nicht sagen.“ „Na gut, wir vertrauen dir“, meinte Frau Sander. Fabian lächelte erleichtert. „Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll.“

Am Freitag in der Schule stand Fabian noch bevor, seinen Freunden mitzuteilen, daß dies sein letzter Tag an der Schule sein würde. Aus diesem Grund scharrte er seine Freunde in der großen Pause in der Raucherecke um sich. „Was gibt es denn so Wichtiges?“, wollte Britta wissen, die als Letzte dazu stieß. Uli und Harry waren schon da. „Wir haben uns heute hier versammelt...“, nuschelte Harry mit Priesterstimme. „Halt mal die Klappe, Harald.“ Fabian machte eine abwehrende Geste. „Also. Ich habe euch alle hier her getrommelt, weil ich euch sagen wollte, daß ich auf eine andere Schule gehen werde.“ „Das ist allerdings eine Überraschung.“ Britta sah Fabian fragend an. „Aber...wieso?“, wollte Harry wissen. „Tja, das ist eine ziemlich schwierige Geschichte. Es wäre mir unangenehm, sie euch erzählen zu müssen“, sagte Fabian. „Also nehmt das einfach so zur Kenntnis ja?“ „Gut, wenn du meinst.“ Uli hob die Schultern. „Dabei bist du doch erst so kurz hier.“ „Wir werden uns doch auch weiterhin sehen können.“ Fabian sah sich um. Er erblickte Herrn Teschner auf dem Schulhof. Doch er sprach unbeirrt weiter. „Und das ist ja die Hauptsache.“ „Stimmt. Und was ist mit dem Musikabend?“, wollte Harry beunruhigt wissen. „Keine Sorge“, beschwichtigte Fabian ihn und warf noch einen Blick auf seinen Deutschlehrer. „Heute abend werden wir es ihnen schon zeigen.“
Am Freitag Abend fand also der Musikabend statt und Fabians Auftritt mit „The Confused“ stand kurz bevor. Fabian hockte im Schulklo in einer Kabine. Ihm war furchtbar schlecht. Er hatte die Befürchtung, daß er sich jeden Moment übergeben mußte. „Fabian“, rief Harry in den Raum. „Komm schon! Wir sind gleich dran!“ Fabian hustete. „Ich glaube, ich muß mich übergeben.“ „Mach keinen Blödsinn und komm!“ Fabian stand auf und schwankte zur Klotür. Er holte tief Luft, dann verließ er den Raum. Er hätte am liebsten gleich wieder kehrt gemacht, als er die vielen Schüler, Lehrer und Eltern sah, die die Pausenhalle bevölkerten. Vor so vielen Leuten konnte er unmöglich auftreten. Er ging auf Harry und die anderen von Confused zu, die gerade dabei waren, ihre Instrumente zu stimmen. „Hört mal, wollt ihr das nicht lieber alleine machen, ich -“ „Nichts ist, Sander. Drücken gibt’s nicht. Wie haben ein Ruf zu verteidigen.“ Tim gab ihm eins mit den Sticks über den Kopf. „He, Frau Gerke macht uns ein Zeichen. Wir sind dran“, sagte Björn und stand auf. „Los Jungs. Auf geht’s.“ Confused inklusive Fabian mit zitternden Knien, betraten die kleine Bühne, die an einer Seite der Aula aufgebaut worden war. Fabian ging auf einen Mikrofonständer zu und ließ seinen Blick noch mal über sein gespanntes Publikum gleiten. Er faßte sich schließlich ein Herz und sagte: „Hallo Leute. Also die Jungs hier kennt ihr wahrscheinlich. Ich gehöre jetzt auch dazu, zumindest noch. Also, das erste Lied, was wir für euch spielen, ist ‚Every Breath you take‘ von ‚The Police‘“ Fabian holte also noch einmal tief Luft und wartete, bis die Musik für ihn einsetzte. Er war so froh, als er merkte, daß seine Stimme alles brav mitmachte. Er sang noch etwas brav und traute sich nicht so richtig, aber als sie das erste Lied gespielt hatten und das Publikum wohlwollend klatschte, wurde Fabian schon mutiger. Bei „Push“ von Matchbox 20 wurde seine Stimme schon kräftiger. Doch das beste Lied hatten sie sich bis zum Schluß aufgehoben. Als der Applaus für das zweite Lied verstummt war, räusperte sich Fabian noch einmal. „So. Zum Abschluß unseres Auftritts spielen wir für euch noch einen weiteren Song aus den 80ern: ‚Poison‘ von Alice Cooper.“ Einige begeisterte Anhänger des Sängers aus den letzten Reihen grölten begeistert. Bevor Fabian anfangen konnte, suchte er mit seinem Blick die Menge ab. Bis er ihn gefunden hatte, Jan Teschner. Er stand da, ziemlich weit hinten und hatte Fabian mit seinen Augen fixiert. „Also dann“, sagte Fabian zu den Jungs von Confused. Sie fingen an und auch Fabian konnte beginnen. „Your cruel device, your blood, like ice.“ Fabians Blick traf Jan Teschner wieder. „One look could kill, my pain, your thrill.“ Eine Art Wut stieg in Fabian auf. „I want to love you but I better not touch. I want to hold you but my senses tell me to stop.“ Wie gut das Lied doch auf ihre Geschichte paßte. „I want to kiss you but I want it too much, I want to kiss you but your lips are venomous, poison.“ Am liebsten wäre er jetzt zu diesem Jan Teschner hingegangen und hätte ihm alles Mögliche ins Gesicht geschrien. Doch der war auf einmal nicht mehr da. Fabian überkam ein Gefühl der Genugtuung. Er hatte es ihm gezeigt. Und der begeisterte Applaus des Publikums am Schluß gab ihm im Stillen recht.
Ziemlich verloren stand Fabian auf dem Schulhof zwischen den vielen Jungen und Mädchen. Ein Schulhof, wie es sie zu Tausenden in ganz Deutschland gab...

Beendet am 22.10.98