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Am folgenden Sonntag hatte Fabian endlich mal wieder etwas Zeit. Sie mußten
nicht proben und er nicht lernen. Ihm fiel auf, daß er Britta und Uli
in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt hatte. Er beschloß, sich
erst mal mit Britta zu treffen. Er rief also bei ihr an. Zu seinem Glück
war sie da. Du hältst mich gerade vom Joggen ab, sagte sie.
Oh, ich wollte natürlich nicht stören. Bewahre!
Meinst du, ich mache das gerne? Also, was gibts? Ich wollte
fragen, ob du Lust hast vorbeizukommen, dann reden wir ein bißchen,
schlug Fabian vor. Klar, bin schon unterwegs, stimmte Britta zu.
Na, dann bis gleich.
Einige Minuten später stand Britta vor seiner Tür. Hallo!
Fabian ließ sie rein. Sofort war der Hund zur Stelle, um die Besucherin
zu begrüßen. Also, gehen wir hoch? Britta nickte zustimmend.
Die zwei begaben sich also in Fabians Zimmer. Setz dich doch.
Fabian wies auf das Sofa, auf dem Britta auch sogleich Platz nahm. Nun,
was hast du auf dem Herzen? Britta sah Fabian neugierig an. Wieso?
Kann ich dich nicht einfach mal zu mir einladen? Nein, da steckt
doch was dahinter, vermutete Britta. Sicher, es könnte auch
sein, daß ich mich täusche, aber... Nein, nein. Wahrscheinlich
hast du recht, meinte Fabian schließlich einsichtig. Ich
glaube, ich bin derjenige, der nicht mitgekriegt hat, daß ich was zu
erzählen habe. Hätte. Theoretisch. Wieso nur theoretisch?,
fragte Britta. Naja, die Sache ist nicht ganz einfach. Fabian
ließ sich auf sein Bett fallen. Es geht bestimmt um Liebe oder?
Britta grinste. Na dann mal raus mit der Sprache. Fabian zögerte.
OK. Also hör zu. Du hast natürlich wieder recht. Es geht um
Liebe. Und zwar bin ich ziemlich verschossen in jemanden. Allerdings ist der,
die, das Jemand verheiratet und will das auch bleiben. Nun -
Plötzlich hielt Britta inne. Ihre Kinnlade klappte herunter. Ach
du scheiße! Du meinst doch nicht...es wird doch nicht... Was
denn?, wollte Fabian beunruhigt wissen. Es ist...Herr Teschner!
Fabian sagte gar nichts. Sie hatte ihn durchschaut. Wie kommst du denn
darauf?, fragte er aber nur. Auf einmal ist mir das klar geworden!
Jetzt wo dus sagst...schon in der ersten Deutschstunde wolltest du alles
von ihm wissen! Britta schüttelte den Kopf. Was läuft
da, Fabian? Du machst ja hoffentlich keine Dummheiten! Ach, Blödsinn,
wehrte Fabian ab. Er weiß ja gar nichts davon! Er biß
sich auf die Lippen. Er konnte Britta nicht die Wahrheit sagen. Das war völlig
unmöglich. Dann ist ja gut! Weiß der Himmel, was alles passieren
könnte. Britta lehnte sich einigermaßen beruhigt zurück.
Und was soll ich deiner Meinung nach tun? Fabian hätte sich
diese Frage auch sparen können. Wenn Britta nicht die ganze Geschichte
kannte, nützte ihre Meinung wenig. Naja, du solltest dir unseren
lieben Lehrer lieber ganz schnell aus dem Kopf schlagen. Gibt es keinen anderen,
mit dem du... Sie zog die Augenbrauen hoch. Ausgehen könntest?
Naja, schon, aber... Fabian stockte. Ja, du hast recht.
Da ist noch jemand anders. Er hat mich auch schon gefragt, ob ich mit ihm
mal weggehe. Das war schließlich keine Lüge und so kam Fabian
am schnellsten aus der Sache raus. Siehst du, das Problem löst
sich ganz von selbst. Britta sah zufrieden aus. Fabian hingegen fühlte
sich auf einmal gar nicht mehr so wohl. Hätte er sie doch bloß
nicht angerufen! Wieder einmal eine seiner fixen Ideen! Er mochte Britta ja.
Aber jetzt im Moment war es ihm gar nicht mehr so recht, daß sie da
war. Er mußte sie irgendwie loswerden, nur um sich selbst vor noch größeren
Dummheiten zu bewahren. Ach du je... Er ließ sich in die
Kissen sinken und legte sich eine Hand auf den Kopf. Ich habe auf einmal
so schreckliche Kopfschmerzen. Fabian verzog das Gesicht. Wirklich?
Britta schaute besorgt zu ihm herüber. Ja. Auf einmal. Ich glaube,
mir wird schlecht... Oh, oh! Dann gehe ich besser! Vielleicht
hast du einen Virus und steckst mich an! Sie sprang vom Sofa auf und
ging zügig zur Zimmertür. Also, gute Besserung dann.
Fabian schaffte ein gequältes Nicken. Dann ging Britta aus dem Zimmer.
Fabian hielt kurz den Atem an. Als er die Haustür hörte, atmete
er erleichtert auf. Er drehte sich auf den Bauch und starrte sein Kopfkissen
an. Wütend schlug er mit der Faust in die weichen Federn. Was war er
nur für ein Dummkopf! So ein Leichtsinn! Am liebsten wollte er die Episode
eben schnell vergessen. Sicher, Britta hatte ihm seine Geschichte sicher abgenommen.
Aber wieso mußte er nur immer so leichtsinnig werden, wenn alles gerade
so...perfekt war. Er versuchte sich selber zu beruhigen. Sie würde sicher
nicht mehr viel über sein Problem nachdenken. Sie hatte bestimmt auch
andere Sachen zu tun. Außerdem würde sie sicher keinem was erzählen.
Fabian hoffte für sich selber, daß er Recht behielt.
Der Montag und der Dienstag verliefen ziemlich ereignislos. Fabian mußte
zwar einen Physiktest schreiben, aber da es keine Klausur war, hatte er dafür
nicht zu viel lernen müssen. Am Mittwoch war wie am Montag wieder Fußballtraining.
Als dieses zu Ende war, Fabian wollte gerade in seinen Wagen steigen, wurde
er von seinem Trainer angesprochen. Gut, daß du noch da bist,
sagte er ganz außer Atem vom Laufen. Habe ich dich gerade noch
erwischt. Was gibt es denn?, wollte Fabian wissen. Ich
wollte dich fragen, ob du noch ein wenig mit zu mir kommen willst. Karin kommt
heute erst irgendwann in der Nacht wieder. Fabian sah Jan Teschner überrascht
an. Das ist ja mal eine nette Überraschung, sagte er. Klar
komme ich mit. OK. Du kommst am besten nach. Ich fahre schon mal.
Jan ging zügig zu seinem Auto. Fabian sah ihm nach, als er vom Gelände
fuhr. Dann setzte auch er sich in den Wagen und fuhr in gemächlichem
Tempo in Richtung der Wohnung.
Fabian klingelte bei Teschners an der Haustür. Er wurde bald darauf von
Jan in die Wohnung gelassen. Wohin? Fabian sah Jan fragend an.
Wohnzimmer, würde ich sagen, erwiderte Jan. Also gingen die
beiden ins Wohnzimmer und nahmen wie gewöhnlich auf der Couch Platz.
Wirklich gut, daß ich hier bin, meinte Fabian zufrieden.
Jan nickte zustimmend. Wir sollten keine Zeit verlieren, meinte
er dann und rückte etwas näher an Fabian heran. Vorteilhaft,
daß diesmal kein Rotwein in der Nähe ist. Fabian lächelte.
So lustig ist das gar nicht, Karin war ziemlich wütend, sagte
Jan. Er fing an, Fabian langsam auszuziehen. Dieser rührte sich kaum.
Erst als Jan anfing, ihn auch noch zu streicheln, erwiderte er die Zärtlichkeiten.
Bald war alles andere für die beiden unwichtig, sie nahmen kaum noch
etwas anderes war, als sich selbst. Erst das plötzlich Geräusch
der Haustür ließ die beiden aufschrecken. Was war das?
Fabian sah Jan ängstlich an. Ich weiß nicht - Er kam
nicht weit. Jan! Ich bin schon wieder da, sagte eine Frauenstimme.
Ehe Jan oder Fabian etwas tun konnten, erschien auch schon die zu der Stimme
gehörende Person im Wohnzimmer: Karin, Jans Ehefrau. Ich konnte
früher gehen, weil - Ihr Blick traf erst Fabian, dann Jan, so gnadenlos
wie ein Messer. Was geht hier vor?, fragte sie langsam. Karin,
weißt du - Jan war von der Couch aufgesprungen. Wer ist
das, Jan? Karin kam auf ihn zu und sah über seine Schulter zu Fabian.
Der saß da, kaum bekleidet, starr vor Schreck wie ein Eisblock, unfähig,
sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Ich kann das alles erklären,
begann Jan. Ach, hör doch auf zu reden wie in einer billigen Seifenoper!
Ich habe doch Augen im Kopf, rief Karin ungehalten. Jan schwieg. Fabian
blickte langsam zu ihm auf. Ich gehe dann jetzt, brachte er leise
hervor. Keiner der beiden Eheleute gab einen Kommentar dazu. Hastig zog Fabian
sich seine Anziehsachen über und stürmte dann zur Haustür.
Als er draußen war, konnte er Karins laute Vorwürfe aus dem Haus
hören.
Durch den Schleier von Tränen fiel es Fabian schwer, die Straße
vor sich zu erkennen. Auch war es schwierig für ihn, sich auf das Fahren
zu konzentrieren, denn in Gedanken war er ganz woanders. In seinem Kopf wirbelte
alles wie bei einem Tornado durcheinander. Warum mußte das alles so
enden mit ihm und Jan. Es war doch so perfekt gewesen, nahezu perfekt. Und
dann, auf einmal, sollte alles vorbei sein? Fabian schluchzte. Das war alles
nicht fair! Und was würde jetzt passieren? Er wußte es nicht. Ohne
es zu merken war Fabian schon bei sich Zuhause angekommen. Er hielt vor der
Garage und blieb starr in dem Wagen sitzen. Was sollte er jetzt tun? Abwarten?
Was gab es denn schon für Möglichkeiten. Er gab sich einen letzten
Ruck und stieg aus dem Auto. Aber er konnte jetzt unmöglich mit jemandem
sprechen. Schnell schloß er die Haustür auf und trat ein. Ohne
sich nach jemandem umzusehen lief er die Treppe hoch in sein Zimmer. Er wollte
niemanden sehen oder hören. Er warf sich auf sein Bett. Wieder konnte
er die Tränen nicht aufhalten, die in seine Augen stiegen. Er wollte
es auch nicht. Es war das erste Mal seit Jahren, daß Fabian sich in
den Schlaf weinte.
Am nächsten Morgen wollte Fabian nicht aufstehen. Doch er mußte
ja. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Zur Schule zu gehen war die
einzige Möglichkeit, Jan wiederzusehen und zu erfahren, wie es weitergehen
sollte. Also zog sich Fabian um und nahm seine Schultasche. Er kümmerte
sich nicht darum, was er für Fächer hatte. Er nahm einfach alles
so in der Tasche mit, wie es war. Wie in Trance ging er die Treppe hinunter.
Als er unten stand, überlegte er kurz. Sollte er in die Küche gehen?
Seine Mutter würde da sein. Nein, er war nicht in der Lage, jetzt jemanden
zu sehen. Er mußte erst wissen, woran er war. Also verließ er
das Haus so schnell wie möglich und fuhr mit dem Wagen zur Schule.
An der Schule angekommen, überkam Fabian ein Unwohlsein, als er auf das
Schulhaus zuging. Alles war wie immer, zumindest schien es so. Fabian betrat
das Gebäude, in dem wie jeden morgen Schüler verschiedenen Alters
herumliefen, standen oder saßen. Fabian hatte jetzt eine Doppelstunde
Physik. Er nahm kaum war, was durchgenommen wurde. Außerdem war er froh,
daß er noch niemanden von seinen Freunden getroffen hatte. Er wollte
erst Klarheit haben.
Eben diese Klarheit bannte sich an, als es zur großen Pause klingelte.
Fabian ging zügig aus dem Klassenraum und lief die Treppe ins Erdgeschoß
hinunter, um zum Lehrerzimmer zu gehen. Ungeduldig schaute er sich nach Herrn
Teschner um. Etliche Schüler standen noch vor dem Lehrerzimmer, um irgendwelche
Sachen abzugeben oder einen kleinen Plausch zu halten. Nach einigen endlosen
Minuten sah Fabian ihn. Jan Teschner kam um die Ecke und erblickte Fabian.
Einen Moment lang blieb er stehen und starrte ihn an. Dann setzte er seinen
Weg fort und sprach Fabian an. Ich muß mit Ihnen reden.
Er öffnete die Tür zum Sprechzimmer und Fabian trat ein. Jan schloß
die Tür und sagte: Setz dich. Fabian tat, wie ihm geheißen
und nahm auf einem Stuhl Platz. Er sah Jan an. Es ist wichtig, daß
du mir jetzt zuhörst, sagte dieser. Sicher. Fabian
nickte. Aber sag doch bitte, wie es weitergehen soll. Gut.
Jan lehnte sich an die Wand. Meine Frau ist bereit, mir zu verzeihen.
Ich kann bei ihr bleiben. Und wie du weißt, will ich das auch, weil
ich sie liebe. Fabian schwieg. Aber wir dürfen uns nicht
mehr sehen, fuhr der Lehrer fort. Das ist ihre Bedingung und ich
werde sie ihr erfüllen. Sonst würde sie alles bei der Schulbehörde
melden. Sie erpreßt dich. Fabian schüttelte den
Kopf. Und das läßt du dir gefallen? Du mußt
doch zugeben, es ist ihr gutes Recht. Sie kann die Bedingungen nennen.
Jan ging im Raum auf und ab. Ich sehe das auch alles ein. Es war ein
großer Fehler - Was war ein Fehler? Fabian war aufgesprungen.
Du wolltest mich doch! Und jetzt? Ich bin dir doch völlig egal.
Red doch keinen Unsinn. Wir hatten unseren Spaß, ja, aber -
Spaß? Fabian sah Jan durchdringend an. Das war kein
Spaß für mich. Jan holte tief Luft. Hör mal. Ich
weiß nicht, ob es so gut ist, wenn wir uns hier fast täglich über
den Weg laufen. Meinst du nicht, es wäre besser, wenn du auf einen andere
Schule gehen würdest? Fabian schaute Jan fassungslos an. Damit
du deinen Fehler schnell wegschieben und vergessen kannst, verstehe.
Jan kam auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Fabian,
ich - Fabian riß sich los. Faß mich nicht an.
Er drehte sich um und öffnete die Tür des Zimmers. Wahrscheinlich
war es wirklich ein Fehler...daß wir uns jemals begegnet sind.
Mit diesen Worten verließ Fabian den Raum und seinen Lehrer zurück.
Fabian spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Doch er
mußte sich beherrschen. Wenigstens, bis er aus diesem furchtbaren Schulhaus
draußen war! Die große Pause war gerade zu Ende, die meisten Schüler
waren schon in die Klassenräume gegangen. Doch Fabian hatte keine Lust
mehr, noch länger hierzubleiben. Er wollte weg, alleine sein.
Fabian stieß die Tür zum Schulhof auf. Es hatte mittlerweile angefangen
zu regnen. Fabian blieb regungslos im Regen stehen. Er konnte wieder von vorne
anfangen. War Jan es wert, ihm hinterher zu trauern? Er hatte ihn doch nur
ausgenutzt, das hatte diese Gespräch mit ihm zutage gefördert. Auch
für Fabian selbst würde es wirklich besser sein, nie wieder diese
Schule zu betreten. Fabian fuhr sich durch die durchnäßten Haare.
Wie aber sollte er das alles seinen Eltern erklären? Die paar Wochen,
die er auf der Schule hier war. Er konnte ihnen nicht die Wahrheit sagen.
Und Britta? Und Uli, und Harry? Er hatte sie alle gerne. Er konnte sie doch
nicht einfach so ohne ein Wort verlassen. Außerdem, das fiel Fabian
gerade ein, war auch noch am nächsten Tag der Musikabend. Für den
hatten sie so lange geprobt. Das konnte er nicht einfach hinschmeißen.
Er würde morgen seine Abschiedsvorstellung geben, und was für eine.
Seinen neuen Freunden würde er schon etwas halbwegs glaubwürdiges
erzählen können. Und sie konnten sich ja auch weiterhin sehen. Er
beschloß, daß er aufhören mußte, wie ein Baby zu heulen.
Nein, Jan war das nicht wert. Aber wie um alles in der Welt sollte er seinen
Eltern diese Misere erklären?
Diesen Felsen mußte Fabian an diesem Abend erklimmen. Er ging nervös
im Wohnzimmer auf und ab, weil er abwarten mußte, bis beide Elternteile
Zuhause waren. Nach einiger Zeit des Wartens war es dann soweit. Seine Eltern
kamen nach Hause. Als sie durch die Haustür traten, empfing sie Fabian
mit folgenden Worten: Mama, Papa: Ich muß mit euch reden. Jetzt
gleich. Das Ehepaar Sander sah sich neugierig an. Na gut, dann
mal los. Gehen wir ins Wohnzimmer, schlug Fabian vor. Die
Familie begab sich also samt Hund in die Wohnstube. Setzt euch bitte.
Das kommt mir ja alles gar nicht gut vor, vermutete sein Vater.
Fabian überging diese Bemerkung und begann zu erzählen: OK,
hört mir zu: Ich kann nicht mehr auf diese Schule gehen. Die Sanders
fielen aus allen Wolken. Aber Fabian! Wieso denn nicht? Das
will ich ja gerade erzählen, fuhr der Sohn fort. Ich weiß,
ich bin erst einige Wochen auf der neuen Schule. Es lief auch immer alles
ganz gut, ich habe neue Freunde gefunden, aber - Fabian sah seine Eltern
ratlos an. Ich kann es nicht erklären. Was gibt es,
was du uns nicht sagen kannst?, wollte seine Mutter wissen. Du
weißt doch, daß du über alles mit uns reden kannst.
Ja, Mama. Ich weiß. Aber diesmal ist es nicht so einfach. Um es
einfach zu sagen, ich habe Mist gebaut. Und ich kann das nur halbwegs ausbügeln,
wenn ich die Schule so schnell wie möglich wechsle. Was hast
du gemacht?, fragte sein Vater beunruhigt. Ich kann euch das nicht
sagen. Ihr müßt mir diesmal einfach nur vertrauen, bat Fabian.
Das ist schwer, wenn es so ernst ist, wie es sich anhört,
meinte Anne Sander. 2Ja, ich kann mir das vorstellen. Aber bitte, ich
flehe euch an: nehmt mich von dieser Schule. Es wird dann alles wieder in
Ordnung kommen. Also, wenn es so wichtig für dich ist,
ergriff sein Vater nach einer Weile das Wort. Dann machen wir das. Vielleicht
erzählst du uns irgendwann, warum. Ich danke euch! Vielen
Dank! Fabian fiel seinen Eltern um den Hals. Ich schulde euch
was. Aber ich kann es euch wirklich nicht sagen. Na gut, wir vertrauen
dir, meinte Frau Sander. Fabian lächelte erleichtert. Ich
weiß gar nicht, wie ich euch danken soll.
Am Freitag in der Schule stand Fabian noch bevor, seinen Freunden mitzuteilen,
daß dies sein letzter Tag an der Schule sein würde. Aus diesem
Grund scharrte er seine Freunde in der großen Pause in der Raucherecke
um sich. Was gibt es denn so Wichtiges?, wollte Britta wissen,
die als Letzte dazu stieß. Uli und Harry waren schon da. Wir haben
uns heute hier versammelt..., nuschelte Harry mit Priesterstimme. Halt
mal die Klappe, Harald. Fabian machte eine abwehrende Geste. Also.
Ich habe euch alle hier her getrommelt, weil ich euch sagen wollte, daß
ich auf eine andere Schule gehen werde. Das ist allerdings eine
Überraschung. Britta sah Fabian fragend an. Aber...wieso?,
wollte Harry wissen. Tja, das ist eine ziemlich schwierige Geschichte.
Es wäre mir unangenehm, sie euch erzählen zu müssen,
sagte Fabian. Also nehmt das einfach so zur Kenntnis ja? Gut,
wenn du meinst. Uli hob die Schultern. Dabei bist du doch erst
so kurz hier. Wir werden uns doch auch weiterhin sehen können.
Fabian sah sich um. Er erblickte Herrn Teschner auf dem Schulhof. Doch er
sprach unbeirrt weiter. Und das ist ja die Hauptsache. Stimmt.
Und was ist mit dem Musikabend?, wollte Harry beunruhigt wissen. Keine
Sorge, beschwichtigte Fabian ihn und warf noch einen Blick auf seinen
Deutschlehrer. Heute abend werden wir es ihnen schon zeigen.
Am Freitag Abend fand also der Musikabend statt und Fabians Auftritt mit The
Confused stand kurz bevor. Fabian hockte im Schulklo in einer Kabine.
Ihm war furchtbar schlecht. Er hatte die Befürchtung, daß er sich
jeden Moment übergeben mußte. Fabian, rief Harry in
den Raum. Komm schon! Wir sind gleich dran! Fabian hustete. Ich
glaube, ich muß mich übergeben. Mach keinen Blödsinn
und komm! Fabian stand auf und schwankte zur Klotür. Er holte tief
Luft, dann verließ er den Raum. Er hätte am liebsten gleich wieder
kehrt gemacht, als er die vielen Schüler, Lehrer und Eltern sah, die
die Pausenhalle bevölkerten. Vor so vielen Leuten konnte er unmöglich
auftreten. Er ging auf Harry und die anderen von Confused zu, die gerade dabei
waren, ihre Instrumente zu stimmen. Hört mal, wollt ihr das nicht
lieber alleine machen, ich - Nichts ist, Sander. Drücken
gibts nicht. Wie haben ein Ruf zu verteidigen. Tim gab ihm eins
mit den Sticks über den Kopf. He, Frau Gerke macht uns ein Zeichen.
Wir sind dran, sagte Björn und stand auf. Los Jungs. Auf
gehts. Confused inklusive Fabian mit zitternden Knien, betraten
die kleine Bühne, die an einer Seite der Aula aufgebaut worden war. Fabian
ging auf einen Mikrofonständer zu und ließ seinen Blick noch mal
über sein gespanntes Publikum gleiten. Er faßte sich schließlich
ein Herz und sagte: Hallo Leute. Also die Jungs hier kennt ihr wahrscheinlich.
Ich gehöre jetzt auch dazu, zumindest noch. Also, das erste Lied, was
wir für euch spielen, ist Every Breath you take von The
Police Fabian holte also noch einmal tief Luft und wartete, bis
die Musik für ihn einsetzte. Er war so froh, als er merkte, daß
seine Stimme alles brav mitmachte. Er sang noch etwas brav und traute sich
nicht so richtig, aber als sie das erste Lied gespielt hatten und das Publikum
wohlwollend klatschte, wurde Fabian schon mutiger. Bei Push von
Matchbox 20 wurde seine Stimme schon kräftiger. Doch das beste Lied hatten
sie sich bis zum Schluß aufgehoben. Als der Applaus für das zweite
Lied verstummt war, räusperte sich Fabian noch einmal. So. Zum
Abschluß unseres Auftritts spielen wir für euch noch einen weiteren
Song aus den 80ern: Poison von Alice Cooper. Einige begeisterte
Anhänger des Sängers aus den letzten Reihen grölten begeistert.
Bevor Fabian anfangen konnte, suchte er mit seinem Blick die Menge ab. Bis
er ihn gefunden hatte, Jan Teschner. Er stand da, ziemlich weit hinten und
hatte Fabian mit seinen Augen fixiert. Also dann, sagte Fabian
zu den Jungs von Confused. Sie fingen an und auch Fabian konnte beginnen.
Your cruel device, your blood, like ice. Fabians Blick traf Jan
Teschner wieder. One look could kill, my pain, your thrill. Eine
Art Wut stieg in Fabian auf. I want to love you but I better not touch.
I want to hold you but my senses tell me to stop. Wie gut das Lied doch
auf ihre Geschichte paßte. I want to kiss you but I want it too
much, I want to kiss you but your lips are venomous, poison. Am liebsten
wäre er jetzt zu diesem Jan Teschner hingegangen und hätte ihm alles
Mögliche ins Gesicht geschrien. Doch der war auf einmal nicht mehr da.
Fabian überkam ein Gefühl der Genugtuung. Er hatte es ihm gezeigt.
Und der begeisterte Applaus des Publikums am Schluß gab ihm im Stillen
recht.
Ziemlich verloren stand Fabian auf dem Schulhof zwischen den vielen Jungen
und Mädchen. Ein Schulhof, wie es sie zu Tausenden in ganz Deutschland
gab...
Beendet am 22.10.98 |