Gays treffen 7

Am folgenden Sonntag Morgen wurde Fabian vom grausamen Klingeln seines Telefons geweckt. Noch völlig verschlafen und total genervt griff Fabian nach dem Hörer. „Was?“ „Oh, da ist aber jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden.“ „Harry“, stellte Fabian fest. „Richtig! Ich weiß, es ist noch mitten in der Nacht für dich, aber du mußt vorbeikommen. Gestern hat mich Frau Gerke, du weißt schon, die Musiklehrerin angerufen. Der Musikabend soll in zwei Wochen sein und wir sind dabei. Wir müssen besprechen, was wir machen. Und üben wir die Bekloppten!“ Fabian grummelte und fragte dann: „Gut. Wann?“ „In einer halben Stunde bei mir.“ „Ich bin da.“ Ohne ein weiteres Wort legte Fabian den Hörer wieder auf. Erst jetzt war er einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Mit einem Seufzen schwang er sich aus dem Bett. Er wankte zum Kleiderschrank, um schnell ein paar Klamotten herauszusuchen. Auf dem Weg fiel ihm der Stapel Anziehsachen auf seinem Sofa auf. Er ging auf die ganzen Sachen zu und nahm von oben das Shirt, das er am Tag davor angehabt hatte. Er hielt es vor sein Gesicht und atmete ein. Es roch ganz eindeutig nach Jan. Er lächelte und ließ das Oberteil wieder auf den Berg Anziehsachen fallen. Das konnte er unmöglich anziehen. Es hatte noch diesen Geruch des Lasterhaften an sich. Also suchte er doch noch schnell eine Hose und einen Pullover aus seinem Schrank, bevor er die Treppe herunter sprintete. Er begab sich schnell in die Küche, um wenigstens noch einen Toast einzuschieben. Er traf dort seine Mutter an, die gerade irgend etwas Undefinierbares in einem Topf zubereitete. „Was machst du da? Rattengift?“ Fabian grinste. „Ich werd dir gleich was von wegen Rattengift!“ Seine Mutter drohte ihm mit dem Kochlöffel. „Guten Morgen.“ „Morgen. Ich muß gleich los, Harry hat angerufen, bald ist der Musikabend und wir haben noch nichts vorbereitet.“ „Ach ja, diese Bandgeschichte. Dann ißt du gar nichts?“ „Bewahre, nein! Aber einen Toast hätte ich gerne.“ „Mach dir selber einen, du Banause!“ Anne Sander wandte sich wieder ihrem Essen zu. Also machte sich Fabian noch schnell einen Toast, bevor er mit dem Wagen davon brauste.
Fabian kam sogar einigermaßen pünktlich bei Harry an. Die anderen von „Confused“ waren auch schon da. Sie saßen alle in üblicher Formation in Harrys Zimmer. Nur hatte irgend jemand Tim seine Sticks entwendet. Der hüpfte nämlich wie ein Irrer auf Harrys Bett herum und greinte: „Ich will jetzt meine Sticks wieder haben!“ „Hör auf, du machst das Teil noch kaputt“, warnte Harry. Tim ließ sich also mit einem abschließenden Rums auf das Bett fallen. „Gut. Hier ist also auch Fabian.“ Dieser setzte sich auf den Boden, denn neben Tim zu sitzen konnte nur der Gesundheit schaden. „Also?“ Fabian sah fragend in die Runde. „Punkt eins der Tagesordnung -“ „Ich kriege meine Sticks wieder“, funkte Tim dazwischen. „Ruhe jetzt. Punkt eins: Songauswahl. Irgendwelche Vorschläge?“ Die Frage hätte Harry sich sparen können, denn nun waren auf einmal alle von Confused furchtbar mit irgend etwas Wichtigem, wie Federn aus den Kissen vom Sofa ziehen, beschäftigt. „Keine Vorschläge also.“ „Doch, wenn ich’s mir recht überlege...also Oldies machen wir ja wenn ich mich recht erinnere sowieso. Also vielleicht mal ein Lied, was ein bißchen fetzt“, sagte Fabian. „Jawoll“, rief Tim mal wieder dazwischen. „Nicht, was du denkst. Vielleicht...‘Poison‘ von Alice Cooper“, schlug Fabian weiter vor. „Hey, gute Idee! Wie’s der Zufall will, habe ich das Gitarrenzeugs irgendwann mal gespielt“, meinte Harry. „Ist zwar manchmal recht schwer, aber es geht. Und die Drums sind wichtig oder was meinst du, Tim?“ „Redet ihr mit mir? Ich sag gar nichts mehr, bevor ich nicht meine Sticks wieder habe.“ Tim wollte die beleidigte Leberwurst spielen. „Dann eben nicht.“ Harry hob die Schultern. „Guter Einfall, das wollte ich also damit sagen, Fabian. Sonst noch was?“ „Ihr kennt doch sicher ‚Push‘ von Matchbox 20?“, wollte Björn wissen. „Sicher“, bestätigte Fabian. „Fühlst du dich im Stande, das zu singen?“ „Warum nicht. Die CD habe ich Zuhause.“ „Gut. Frau Gerke meinte 3 Lieder, also eins noch.“ „Ich würde sagen, einen Song, den jeder kennt“, sagte Tim. „Mensch, das ist ja mal ein richtig guter Vorschlag von dir!“ Harry grinste seinen Kumpel an. „Olaf, gib ihm seine Babies wieder.“ „Auf deine Verantwortung.“ Olaf zog die Sticks aus seinem Rucksack. „Nee, auf deinen Kopf“, freute sich Tim und sein ganzes Spielchen ging von Vorne los. „Also was noch?“ „Was von ‚The Police‘“, meinte Olaf. „Siehst du, deine Gehirnzellen funktioneren noch viel zu gut“, meinte Tim. „Every Breath you take“, führte Fabian den Gedanken weiter. „Gut. Womit wir das geklärt hätten. Jetzt brauchen wir nur noch massig Termine zum Üben.“ Also machten die 5 von „Confused“ noch recht viele Tage zum Üben aus, bevor sie zur Tat, das heißt, in den Keller schritten um in die Saiten, Tasten und alles weitere zu hauen. Wie sie bald merkten, brauchten sie noch etwas Zeit. Und vor allen Dingen die Noten für „Push“. Doch Harry konnte anscheinend alles organisieren. Er versprach, die Noten im Haus zu haben, wenn sie sich das nächste Mal trafen. Den Song von Police bekamen sie allerdings schon ziemlich gut hin, die Jungs hatten ihn schon öfter mal zum Spaß gespielt.
Nach einigen anstrengenden Stunden kam Fabian völlig abgeschlafft Zuhause an. Zu allem Überfluß forderte seine Mutter ihn noch auf, mit dem Hund zu gehen. Leicht genervt machte sich Fabian also mit Herkules auf den Weg. Er war völlig in Gedanken, als Herkules plötzlich anfing, wie ein Wilder zu kläffen. „Was ist denn los mit dir, Herkules, was -“ Doch da sah Fabian schon, was los war. Ihnen entgegen kam Jan Teschner mit seiner Colliedame Lassie. „Jetzt verstehe ich, Herkules.“ Fabian beugte sich zu seinem Hund herunter und streichelte ihn. „Guter Hund.“ Aufgrund des Bellens hatte jetzt auch der Lehrer Fabian und natürlich Herkules bemerkt. Er kam näher und sagte: „Hallo Fabian.“ „Hallo Jan. Ich meine, Herr Teschner.“ Sein Lehrer lächelte. „Wie geht es dir? Ist deine Frau schon wieder zurück?“ „Ja seit ein paar Stunden ist sie wieder da“, erwiderte Jan. Er schaute auf seine Lassie, die damit beschäftigt war, den aufgeregten Herkules anzuknurren. „Und ich darf mit dem Hund gehen.“ „Ich auch. War vielleicht doch gar nicht so schlecht“, meinte Fabian. „Ich habe gute Nachrichten für dich. Für uns: Nächstes Wochenende ist Karin wieder weg, das hat sie mir vorhin mitgeteilt. Sie hat gestern auf dem Geburtstag eine alte Freundin wieder getroffen, du weißt ja, wie sowas ist. Und zu der will sie nächstes Wochenende fahren.“ „Das ist ja wunderbar“, sagte Fabian glücklich. „Du kommst am besten wieder so wie gestern vorbei“, schlug Jan vor. „Alles klar“, stimmte Fabian zu. „Dann muß ich jetzt weiter. Wir sehen uns morgen, in der Schule.“ „Ja, bis dann.“ Fabian zog Herkules langsam weiter und sah seinem Lehrer noch nach, der mit Lassie in die andere Richtung ging.
Den restlichen Abend mußte sich Fabian der Schule widmen. Er mußte am Dienstag eine Klausur im Englisch LK schreiben, eine Interpretation irgendeiner Novelle. Seine Englischlehrerin, Frau Weber, war aber sehr nett und der Unterricht ziemlich interessant. Was die anderen dagegen von Frau Heinze erzählten...da war Fabian doch froh, im Leistungskurs zu sein. Außerdem war Englisch seine starke Seite, zusammen mit Physik. Also strengte er sich am Sonntag nicht mehr so viel an, um etwas für die Klausur zu tun. In seinen Ohren war immer noch so ein piependes Geräusch, so ein langer, endloser, total nerviger Ton. Natürlich war dieses Bandtreffen daran Schuld!

Am nächsten Tag in der Schule plagten Fabian ziemlich Kopfschmerzen. Im Unterricht war er außerdem ziemlich unkonzentriert. Außer in den beiden Deutschstunden natürlich. Doch Fabians Aufmerksamkeit galt weniger dem Unterrichtsstoff als seinem jungen Lehrer. Natürlich ließ er sich nicht anmerken, woran er dachte, wenn er Jan Teschner ansah. Niemand konnte etwas bemerken. Bis auf den Lehrer selber, der anscheinend genau das gleiche dachte, wenn er zufällig seinen Schüler Fabian Sander anschaute. Im Grunde waren die Stunden für Fabian eher unerträglich. Mit Jan in einem Raum zu sein, ihn sprechen zu hören, ihn aber nicht berühren zu dürfen – das alles bekam jetzt einen ganz anderen Ausdruck. Doch er dachte mit Freude und Aufregung an das Wochenende, obwohl es erst Montag war und zwei Klausuren für diese Woche anstanden.
In der Pause sprach ihn Britta in der Raucherecke an. „Ich dachte, du meldest dich vielleicht mal“, sagte sie leicht vorwurfsvoll. „Du mußt ja ein spannendes Wochenende gehabt haben.“ „Richtig“, erwiderte Fabian mit einem Lächeln. „Tut mir echt leid, meine Liebe, aber in nächster Zeit bin ich dauernd mit Lernen und Confused verplant. Nächste Woche Freitag ist doch der Musikabend und wir müssen noch viel proben.“ „Verstehe.“ Britta schaute ein wenig traurig drein. „Da kommt auch schon Harry.“ Fabian zeigte auf Harry Fredlich, der gerade in ihre Richtung kam. „Na ihr zwei“, begrüßte er die beiden und wandte sich dann an Britta. „Du, ich war gerade am Lehrerzimmer. Frau Heinze will heute wirklich einen Test schreiben.“ „Was?“ Britta fiel aus allen Wolken. „Und da tut sie am Donnerstag noch so scheinheilig, von wegen, nein, sie würde ja nie einen Test unangekündigt schreiben.“ „Das war dann wohl der Wink mit dem Zaunpfahl“, meinte Harry. „Eher mit dem ganzen Zaun“, sagte Fabian und grinste. „Und ich Dummbrot habe das nicht mitgekriegt“, regte sich Britta weiter auf. „Also, Kinder, das mach ich nicht mit. Ich klemm den Rest des Tages ab.“ „Ist ja auch gar nicht auffällig oder so“, sagte Harry. „Ach, erzähl der Alten irgendwas von Magenbeschwerden. Oder noch besser, Menstruationsbeschwerden“, rief Britta begeistert von ihrem schlauen Einfall. Fabian und Harry sahen sich an. „Igitt“, sagten die beiden und schüttelten sich. „Ach, ihr wißt ja gar nicht, wie das ist“, meinte Britta und lächelte. „Muß auch nicht sein. Ich nehm die Magenbeschwerden“, meinte Fabian. „Gut, ich verzieh mich mal.“ Britta schnappte sich also ihre Tasche und machte sich auf den Weg zum Fahrradständer. Die beiden Jungen sahen ihr noch hinterher, bis sie hinter der Biegung beim Schulhof verschwand. „Und du? Kannst du Englisch?“, wollte Fabian von Harry wissen. „Naja, Medium würde ich sagen. Vielleicht haue ich auch noch ab.“ „Gut“, meinte Fabian und grinste. „Dann lasse ich euch beide wegen Menstruationsbeschwerden entschuldigen!“

Am Montag fand außerdem noch Fußballtraining statt. Auch hier mußte Fabian sich beherrschen, sich nichts anmerken zu lassen. Am liebsten hätte er sich ja auf seinen Lehrer gestürzt und ihm die Kleider vom Leib gerissen. Aber damit mußte er wohl oder übel bis zum Wochenende warten. Das dachte er zumindest.
Nach dem Training war er wieder einmal der letzte, der noch unter der Dusche stand. Er ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Er fand, daß er sich ganz gut gehalten hatte, beim Training. Er mußte ja irgendwie seine überschüssige Energie loswerden...Plötzlich hielt Fabian inne, als er glaubte, eine Tür klappen zu hören. Seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht. Auf einmal stand sein Trainer im Türrahmen. „Ach? Du bist mal wieder der Letzte, wie?“ „Stimmt“, sagte Fabian und grinste. „Besser als das Letzte oder? Aber was machst du noch hier?“ „Ich wollte dir auflauern.“ Jan Teschner kam näher auf ihn zu. Diese Gelegenheit nutzte Fabian, ihn mit Wasser zu besprühen. „Das kriegst du zurück“, rief Jan und schon ging die Wasserschlacht los. Nach einer Weile waren die beiden jedoch ziemlich erschöpft und schlossen deswegen Frieden. „Jetzt kann ich meine Sachen ebensogut ausziehen“, meinte der Trainer und tat das auch. „Und was ist, wenn jemand reinkommt?“, wollte Fabian wissen. „Wieso? Ich dusche doch nur“, sagte Jan lächelnd, fügte dann aber noch hinzu: „Keine Sorge, ich habe die Türen abgeschlossen.“ „Du denkst wohl an alles.“ Fabian zog ihn an sich heran und küßte ihn. „Von dir kann man wirklich viel lernen. In jeder Beziehung.“ Da sie sich ihrer Ungestörtheit sicher sein konnten, gaben sie sich beide ihrem Verlangen hin.
Fabian kam aus dem Klassenzimmer und schloß die Tür hinter sich. Er atmete tief durch. Eine vierstündige Klausur war nicht unbedingt der Traum seiner schlaflosen Nächte. Aber er hatte ein ganz gutes Gefühl. Englisch war nicht besonders schwer, fand er. Und die Klausur war einigermaßen fair gewesen. Aber Fabian graute vor der Geschichtsarbeit bei Herrn Becker. Dieser Typ konnte ihn anscheinend überhaupt nicht ab und ließ auch wirklich keine Gelegenheit aus, ihn anzuschnauzen. Aber was kümmerte ihn das? Er hatte gute Freunde, war in einer Band und hatte den Lover seiner Träume. Im Moment verlief sein Leben wirklich gut.
In der großen Pause nach der Klausur traf sich Fabian mit Harry in der Raucherecke. Sie wollten nur noch ein bißchen über ihre Proben sprechen. Fabian mußte eine Weile warten, bis Harry endlich aus dem Schulgebäude auf ihn zu kam. „Hey Fabian, ich war gerade bei Frau Gerke“, sagte er zur Begrüßung. „Und?“, wollte Fabian wissen. „Sie hat mir gesagt, wann wir dran sind“, erwiderte Harry. „Und wann wäre das?“, fragte Fabian ungeduldig. „Nach dem das ganze Klassikzeugs und die Jazztanzgruppe fertig sind. Als erste von den drei Bands“, erklärte Harry endlich. Fabian war überrascht. „Es gibt noch mehr Bands?“ „Ja, eine offizielle Schülerband und noch eine andere Möchtegern – Band.“ „Also sind wir die besten“, sagte Fabian zufrieden. „So sehe ich das auch. Wir werden es den ganzen Leuten schon zeigen“, meinte Harry zuversichtlich. „Sind eigentlich viele Lehrer beim Musikabend?“, fragte Fabian. „In der Regel schon. Außer die, die ganz weit draußen in der Pampa wohnen“, war Harrys Antwort. Fabian nickte zufrieden. Jan wohnte ja nicht unbedingt hinterm Wald in Hinterpottegutschen...er mußte grinsen. „He, da ist Britta“, bemerkte Harry. Ja, da war sie. Und sie war sauer, daß konnte man an ihrem Gesichtsausdruck ohne Probleme ablesen. „Was ist dir denn über den Weg gelaufen?“, wollte Fabian wissen. „Die Heinze! Ich muß diesen verdammten Test nachschreiben.“, schnaufte Britta wütend. „So eine blöde Kuh! Die versaut mir noch meine 11 Punkte!“ „Das sind allerdings keine guten Nachrichten“, sagte Harry mitfühlend. „Warum lernst du nicht einfach und knallst ihr 14 Punkte vor die Nase?“, fragte Fabian. „Weil man für diesen Test so gut wie nichts machen kann“, erklärte Britta. „Es kommt immer drauf an, wie fies sie sein will. Ich habe gar keine Chance.“ „Warum denn so pessimistisch? Das wird schon.“ Harrys Bemerkung wurde vom Gong unterstrichen, der zum Unterricht drängte. „Na toll!“ Britta hob die Hände in die Luft. „Meine Zigarettenpause ist auch hin!“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie im Schulhaus. „Die beruhigt sich auch wieder“, meinte Harry abschließend zu Fabian.
In den folgenden Tagen hatte Fabian kaum eine ruhige Minute. Entweder probten „Confused“, er mußte lernen oder es war Fußballtraining. Deswegen war Fabian auch ziemlich erschöpft, aber auch erleichtert, als er am Freitag Abend todmüde ins Bett fiel. Wieder einmal hatten sie für den Musikabend geübt. Sie kamen wirklich ganz gut klar. Ein paar Kleinigkeiten waren noch zu bewältigen, aber Fabian war zuversichtlich. Außerdem war morgen erst mal Samstag. Er würde Jan wiedersehen. Dieser Gedanke verursachte ein angenehmes Kribbeln in Fabians Bauch. Ob Jan wohl auch gerade an ihn dachte?

Am Samstag stand Fabian pünktlich um 15 Uhr vor Jans Wohnungstür. Er mußte nicht lange warten, bis der Hausbesitzer öffnete. „Hey, schön, daß du da bist“, wurde Fabian begrüßt. Schnell betrat er nun den Hausflur, der Nachbarn wegen. „Ja, es ist gut, daß wir uns mal wieder treffen.“ Jan und Fabian gingen ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch vor dem Sofa standen zwei Rotweingläser und daneben der dazugehörige Wein. „Du willst mich wohl betrunken und gefügig machen, wie?“ Fabian setzte sich auf die Couch. „Du hast mich mal wieder durchschaut.“ Jan nahm ebenfalls Platz und schenkte den beiden Wein ein. „Du darfst doch schon Alkohol oder?“ „Nein. Ich bin noch viel zu klein dafür“, scherzte Fabian. „Oh. Naja.“ Jan reichte Fabian ein Glas und nahm selbst das andere. „Auf einen schönen Tag.“ Die Gläser erzeugten einen hellen Klang, als sie aufeinander trafen. Der süße Rebensaft lief warm durch Fabians Kehle. „Die Gärung des Alkohols...“, philosophierte er. „Wie treffend.“ Jan stellte sein Glas auf der Tischplatte ab. „So. Erzähl doch mal irgendwas.“ „Wirst du am Freitag beim Musikabend da sein?“, fragte Fabian. „Werde ich wohl. Wieso?“ Jan sah ihn fragend an. „Ach, das weißt du ja noch gar nicht. Ich singe da in einer Band. Confused“, erklärte Fabian. „Das ist doch die Gruppe von Fredlich, wie heißt er gleich“, überlegte Jan. „Harry. Harry Fredlich.“ „Genau. Das war’s. Und du singst? Hatten sie nicht mal einen anderen Sänger?“ „Ja, aber der ist ausgestiegen irgendwann vor kurzer Zeit“, erwiderte Fabian. „Sehr interessant. Dann werde ich natürlich noch mit mehr Freude da sein.“ Jan lächelte ihn an. Fabian erwiderte das Lächeln. Er fing an, auf die Tischplatte zu klopfen. Nach einer Weile sagte Jan: „Laß das, das macht mich ganz nervös.“ „Echt?“ Fabian klopfte noch unruhiger auf den Holztisch. „Na warte!“ Mit einem Mal hatte sich Jan auf ihn gestürzt und seinen Mund auf Fabians eigenen Lippen gepreßt. Dabei war er mit dem Arm an einem der Gläser hängengeblieben, aus dem im hohen Bogen der Wein auf den Boden kippte und den Boden rot einfärbte. Doch weder Jan noch Fabian kümmerten sich darum.
„Wie willst du das jemals wieder rausbekommen?“ Fabian betrachtete Jan, wie er versuchte, den Rotweinfleck mit Salz und Pril aus dem Teppich zu reiben. „Ich weiß es nicht. Verflucht.“ Jan stand auf und warf den Lappen auf den Fußboden. „Reg dich nicht so auf.“ Fabian, immer noch unbekleidet nach dem Liebesspiel mit Jan, räkelte sich zufrieden auf dem Sofa. „Komm lieber wieder her.“ Jan sah ihn an. „Was wird wohl Karin dazu sagen? Das ist ja furchtbar.“ Fabian seufzte. „Also Schluß mit Romantik und Wollust.“ Er grinste und suchte seine Sachen zusammen. „Hast du meine Socken gesehen?“ „Dich kümmert das wohl gar nicht“, sagte Jan vorwurfsvoll. „Nö, is ja nicht mein Teppich.“ „Fiesling.“ Jan zog ihn an sich und küßte ihn. Fabian sah über sich, zur Hängelampe. „Hier ist sie.“ Er angelte sich seine weiße Sportsocke von der Lampe. „Ich geh jetzt mal“, sagte er dann. „Wieso? Wir könnten doch noch ein bißchen reden“ schlug Jan vor. „So? Worüber denn?“ Fabian ließ sich wieder auf das Sofa sinken, seine Anziehsachen auf dem Arm. „Einfach so. Über uns.“ Jan nahm wieder neben ihm Platz. „Wenn du meinst.“ Fabian hob die Schultern. „Ich finde alles ganz gut so.“ „Wirklich? Aber es ist nicht gerade so, wie man sich sonst eine Beziehung vorstellt“, meinte Jan. „Affäre meinst du wohl. Beziehung ist in der Tat was anderes.“ Fabian starrte auf den Rotweinfleck. „Da hast du ja echt was angestellt.“ „Aber meinst du, wir können das immer so weitermachen?“, fragte Jan weiter. „Immer nicht. Also ich meine, da ist deine Frau und -“ „Was soll das denn heißen?“, unterbrach Jan Fabian. „Naja, die Tatsache, daß du verheiratet bist, ist nicht gerade hilfreich für uns“, sagte Fabian. „Du willst doch nicht damit sagen, daß ich mich lieber von Karin trennen soll?“ Jan schaute ihn ärgerlich an. „Das will ich nämlich gerade nicht. Ich bin ganz zufrieden mit meiner Ehe.“ „Du hast doch selber gesagt, daß du Karin nicht mehr begehrst“, hielt Fabian ihm vor. „Naja, nicht mehr so, wie am Anfang, aber da ist immer noch ein bißchen...du weißt schon.“ „Ja, ich weiß, und du liebst sie.“ Fabian wurde ungehalten. „Und was ist mit mir? Glaubst du, ich will immer nur die kleine Nummer zwischendurch sein?“ Er stand auf. „Das läuft nicht.“ „Das Gespräch war vielleicht doch keine so gute Idee“, begriff Jan. „Oh, doch. Jetzt weiß ich immerhin, was ich dir wert bin“, sagte Fabian verletzt. „Ach, jetzt warte doch mal.“ Jan stand ebenfalls auf und legte Fabian die Hand auf die Schulter. „Sei mir nicht böse. Für mich ist das alles nicht so einfach“, sagte er beschwichtigend. „Ja, ja. Schon OK.“ Fabian versuchte sich an einem versöhnten Lächeln, das ihm aber nur halb gelang. „Ich werde jetzt trotzdem gehen.“ „Wie du willst.“ Fabian zog sich also schnell an. „Wir sehen uns dann in der Schule.“ Er ging zügig durch den Hausflur, verschwand durch die Haustür und ließ Jan mitsamt dem Rotweinfleck in dem Haus zurück.
An diesem Abend lag Fabian nachdenklich wach. Jan hatte sicher recht. Für ihn war das nicht so leicht. Wahrscheinlich hatte er sich das selbst viel zu einfach vorgestellt. Jetzt kam es Fabian wirklich albern vor, daß er geglaubt hatte, Jan würde seine Frau seinetwegen verlassen. Und dann? Fabian wälzte sich herum. Dann wären sie beide ausgewandert, hätten geheiratet und zehn Kinder bekommen! So ein Unsinn! Schnell verscheuchte Fabian diese lächerlichen Gedanken aus seinem Kopf. Er konnte wirklich froh sein, daß Jan sich überhaupt mit ihm eingelassen hatte!