Gays treffen 3

Ein paar Minuten vor Beginn des Trainings kamen Fabian, Britta und Uli am Sportplatz an. Fabian stellte das Auto neben die anderen, die schon auf dem Parkplatz standen. „Du mußt dich schnell umziehen“, meinte Uli. „Es ist gleich vier. Und Herr Teschner haßt Unpünktlichkeit.“ „Gut“, sagt Fabian. Wenn er zu spät käme, würde ihm wieder Aufmerksamkeit zuteil werden. „Wie? Gut?“ „Gut, dann beeile ich mich.“ „Wir gehen am besten schon mal zur Tribüne auf dem Platz“, sagte Britta. „Du findest dich doch bestimmt zurecht?“ „Sicher, geht nur. Bis gleich.“ Fabian schlenderte auf das Gebäude zu, das die Umkleidekabinen und Duschen beherbergte. Er suchte seinen Weg zu den Räumen der Jungen. Nach einer Weile fand er diese. Er betrat die Umkleide und stellte fest, daß schon alle auf dem Platz sein mußten, denn außer den Klamotten der Spieler befand sich nichts und niemand mehr dort. Gemütlich und ohne sich zu beeilen sah sich Fabian noch einen Moment um. Dann machte er sich daran, sich umzuziehen. Als er fertig damit fertig war, zeigte seine Uhr schon zehn nach vier. Fabian lächelte, holte tief Luft und verließ die Umkleide durch eine Tür, die zum Sportplatz führte. Er sah draußen in einiger Entfernung einige junge Männer ihre Runden auf dem Rasen laufen. Und er sah Herrn Teschner, der etwas abseits stand und Anweisungen gab. Auf der Tribüne rechts neben dem Feld saßen Britta und Uli, die ihm zuwinkten. Fabian nickte zurück und schlenderte auf seinen Lehrer zu. „Herr Teschner? Da bin ich.“ Der Angesprochene sah ihn kurz prüfend an. Dann blickte er auf seine Uhr. „Also, wenn sie hier spielen wollen, dann müssen sie pünktlich sein. Sonst haben sie gar keine Chance“, sagte er mahnend. „OK. Tut mir leid.“ Fabian sah zu Boden. Die Aktion war nicht ganz so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Keine perfekte Begrüßung. „So, jetzt schließen sie sich am besten mal den Jungs an. Aufwärmen ist angesagt“, meinte Herr Teschner. Fabian nickte, joggte locker auf die Gruppe Jugendlicher zu und schloß sich nach Anweisung an. „Hey!“, keuchte einer der Jungen. „Bist du neu?“ „So siehst’s wohl aus“, erwiderte Fabian. „Ich will hier mitspielen. Herr Teschner sieht sich an, wie ich spiele.“ Sein Gesprächspartner nickte nur, da das Laufen ihn doch ziemlich beanspruchte. Fabian warf einen Blick auf seinen Lehrer, der immer noch mit verschränkten Armen am Feldrand stand und die Gruppe beobachtete. Fabian biß sich auf die Lippen und lief schneller, bis er sich an die Spitze des Feldes gesetzt hatte. Dank seiner guten Kondition hielt er sein Tempo durch, bis Herr Teschner seine Trillerpfeife benutzte, um den Jungs eine Pause zu gönnen. Alle blieben erleichtert und angestrengt auf dem Rasen stehen. Herr Teschner gesellte sich zu ihnen. „So, Leute. Dehnen!“ Wie er es sagte, wurde es getan. Nachdem auch das abgehandelt war, sagte der Lehrer: „Letztes Mal haben wir soviel andere Übungen gemacht, da sind wir gar nicht zum Spielen gekommen. Das holen wir heute nach.“ Zustimmendes Gemurmel wurde in der Gruppe laut. „Das ist Fabian“, stellte er den genannten vor. „Er will hier zeigen, was er so draufhat. Wenn Holger weggeht, brauchen wir schließlich einen guten Mann im Sturm.“ „Ist er gut?“, fragte ein recht großer Typ kaugummikauend skeptisch. „Eben das werden wir ja gleich sehen.“ Herr Teschner nickte Fabian zu. „Richtig. Ich war auch in Berlin Stürmer.“ „Großstadtjunge, wie?“ Der Typ sah ihn abfällig an. „Genau.“ Fabian schnitt eine Grimasse in seine Richtung. „Nicht quatschen Jungs, spielen! Aufstellung wie immer!“ Herr Teschner klatschte in die Hände, teilte die Jungen in zwei Mannschaften ein und erklärte Fabian noch schnell seine Position. Dann verließ er das Spielfeld wieder. „Fatzke“, murmelte der Kaugummi – Junge zu Fabian, der in der gegnerischen Mannschaft spielte. „Wart’s ab“, sagte Fabian und lächelte überlegen. Da ertönte auch schon wieder der schrille Pfeifton. Das Spiel konnte beginnen. Fabians Debüt war nicht anders als mit dem Wort grandios zu bezeichnen. Er war schnell, schneller als die meisten seiner Mitspieler und es verflüchtigten sich bald die Bedenken, er könnte vielleicht nicht mithalten. Er erdribbelte sich Ball um Ball und schoß unter den Anfeuerungsrufen seiner zwei Anhänger auf der Tribüne zwei Tore in einer halben Stunde. Dann brach Herr Teschner das Spiel ab. Erledigt fiel Fabian auf den Rasen und schloß die Augen. Er hörte sein Herz laut in seiner Brust schlagen und sein Atem raste genauso dahin. Er war noch in guter Form, hatte aber schon längere Zeit nicht mehr gespielt. „Hey.“ Fabian öffnete die Augen. Über sich sah er den Jungen, der ihn vorhin dumm angemacht hatte. Dieser keuchte ebenfalls und streckte Fabian die Hand hin. „Gutes Spiel.“ Fabian zögerte kurz, ergriff dann aber doch die angebotene Hand und ließ sich hochziehen. „Danke. Du bist auch nicht schlecht.“ „Tut mir leid wegen vorhin. Du kamst mir nur so vor wie ein ziemlicher Angeber. Große Klappe nichts dahinter, du weißt schon“, entschuldigte sich der Typ. „Ich bin Matthias.“ „Fabian Sander“, stellte sich Fabian erneut vor. „Meine Herren, zusammenkommen bitte!“, rief Herr Teschner und auch die beiden gingen auf den Trainer zu. „Das Spiel hat mir gefallen. Wenn ihr immer so spielt. Was haltet ihr von unserem Neuzugang?“, fragte er in die Runde. „Ziemlich gut.“ „Und schnell“, kamen so die Antworten von den Jungen. „Das meine ich auch.“ Herr Teschner nickte Fabian anerkennend zu. „Ich denke, er ist ein würdiger Ersatz für Holger.“ „Ja, Holgi würde sich freuen, daß ein so guter Spieler seinen Platz einnimmt“, meinte Matthias. „Danke Leute“, sagte Fabian, erstmals verlegen aufgrund so vieler netter Worte. „Machen wir früher Schluß heute. Weil ihr so gut wart“, sagte der Trainer mit Blick auf die Uhr. „Die zehn Minuten lohnt es sich nicht mehr.“ Ohne weitere Aufforderung verließen die Jungen den Platz. Bis auf Fabian. Der trat auf seinen Lehrer – und jetzt auch Trainer – zu. „Sie wollen mich also mitspielen lassen?“, fragte er. „Wie gesagt, sie sind gut. Und ein passender Ersatz.“ Herr Teschner nickte. Fabian strahlte. „Vielen Dank. Ich freue mich, daß ich ihnen gefallen habe.“ Seine Augen blitzten auf. „Nichts zu danken. Danken sie höchstens sich selber“, sagte Herr Teschner. „Trauen sie sich zu am Sonntag bei einem „Freundschaftsspiel“ mitzuspielen? Eine Mannschaft aus Königslutter hat angefragt.“ „Natürlich. Ich bin fit wie ein Turnschuh“, meinte Fabian lächelnd. „Das ist gut. Einzelheiten erfahren sie noch am Mittwoch. Denken sie dran, gleicher Ort, gleiche Zeit.“ Herr Teschner drehte sich um und wollte gehen, doch er wandte sich noch kurz an Fabian: „Aber dann pünktlich.“ „Sicher.“ Fabian sah ihm noch nach. Dann machte er einen Luftsprung, um seiner Freude endlich Ausdruck zu verleihen. Er war gut. Er war der Beste. Das hatte er bewiesen. Mit diesem Gefühl von Zufriedenheit machte er sich auf den Weg in Richtung Umkleide. Doch vorher zeigte er seinen Zuschauern auf der Tribüne einen enthusiastisch erhobenen Daumen, woraufhin diese noch einmal jubelten und grölten. „Wir sehen uns am Auto!“, rief Fabian ihnen zu und lief zu den Räumen, um sich umzuziehen.
„Du hast es wirklich geschafft.“ Britta ließ sich auf den Sessel in Fabians Zimmer fallen. „Kompliment.“ „Ich sagte doch, ich bin gut“, sagte Fabian und nahm neben Uli auf dem Sofa Platz, der den Hund auf dem Schoß hatte. „Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, meinte Uli.
„Na, vielen Dank.“ Fabians Mundwinkel zuckten beleidigt. „Hey, nimm’s nicht so schwer“, sagte Britta. „Er hatte eben das typische Angebervorurteil.“ „Bei uns auf der Schule gibt es eben total viele, die große Sprüche klopfen, aber nichts im Kopf oder sonst was zu verkaufen haben“, erklärte Uli. „Tja, ich bin aber wohl keiner von denen.“ „Dann bist du aber eine große Ausnahme.“ „Kann sein.“ „Ich glaube, ich muß jetzt mal langsam gehen“, sagte Britta nach einer Weile. „Ich habe noch Aufgaben rumliegen. Außerdem schreiben wir morgen wirklich mal einen Englischtest. Grammatik, was immer.“ „Ich komme dann mit“, meinte Uli. „Soll ich euch nach Hause bringen?“, wollte Fabian wissen und stand auf. „Wo ihr ja einen etwas weiteren Weg habt, denke ich mal.“ „Das wäre total nett“, nahm Britta das Angebot an. „Ja, finde ich auch. Sie wohnt nicht weit von mir“, meinte Uli. „Alles klar. Dann gehen wir mal“, meinte Fabian. „Hey, ich fand’s nett bei dir“, sagte Britta noch, bevor sie das Zimmer verließen. „Das nächste Mal kommst du zu mir!“
Als Fabian die Haustür aufschloß, hörte er gleich die Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Er entschied sich, diesen erst mal zu begrüßen. Tagsüber bekam er ihn selten zu Gesicht. Als Besitzer einer Kaufhausketten hatte er eben doch viel zu tun, entgegen vieler Annahmen. So wie Fabian das Wohnzimmer betrat, sah er, daß sein Erzeuger in ein Telefongespräch verwickelt war. Dennoch begrüßte er seinen Sohn, indem er die Hand hob. Fabian nickte ihm zu und ließ sich auf eines der Ledersofas sinken. Dann nahm er sich einen roten Apfel aus der Obstschale, die vor ihm auf dem Tisch stand und biß hinein. Da kam auch schon der Hund ist das Wohnzimmer gerannt und sprang neben Fabian auf die Couch. Gierig schaute Herkules in Richtung Apfel. Fabian sah seinen Hund an. „Hör mal, das magst du nicht“, sagte er leise, um das Gespräch seines Vaters nicht zu stören. Doch der Hund schien davon unbeeindruckt und starrte weiter wie hypnotisiert auf die Frucht. „Na gut, aber du wirst es nicht mögen.“ Fabian teilte ein Stück von dem Apfel ab und hielt es dem Hund hin. Der schnappte es, ohne auch nur vorher daran zu schnüffeln und raste aus dem Wohnzimmer. „Seid wann frißt der Hund Äpfel?“, fragte Herr Sander, der sein Telefonat soeben beendet hatte. „Frag mich nicht. Vielleicht liegt’s an der Luft hier“, vermutete Fabian. „Wie war dein erster Tag?“, wechselte sein Vater das Thema. „Gut. Ich habe gleich ein paar nette Leute kennengelernt“, erwiderte Fabian. „Hat mir deine Mutter schon erzählt. Waren ihr auch sympathisch. Und sie hat mir auch von dem Vorspiel erzählt.“ Wolfgang Sander sah ihn gespannt an. „Wie ist es gelaufen?“ „Ich bin im Team“, antwortete sein Sohn. „Also war ich wohl gut.“ „Glückwunsch“, sagte Herr Sander. „Da kann ich ja stolz auf dich sein. Aber ich weiß natürlich, warum du wieder in ein Team wolltest.“ „Ach ja?“ Fabian schaute überrascht. „Und wieso?“ „Na, damit du dir leicht bekleidete, muskulöse Männer ansehen kannst.“ Sein Vater lächelte spöttisch. „Blödmann“, sagte Fabian beleidigt. „Du weißt doch, wie gerne ich spiele.“ „Kommt ganz drauf an, was“, scherzte sein Erzeuger. „Hey, habe ich jemals einen Fußballspieler angeschleppt und euch vorgestellt? Außer als Kumpel?“, wollte Fabian wissen. „Nein, nein, ich ärgere dich doch nur“, winkte sein Dad ab. „Du weißt, daß ich das nicht mag“, meinte Fabian „OK, tut mir leid“, entschuldigte sich der 48–jährige. „Gut. Wo ist Mama?“ fragte Fabian. „Sie hat noch zu arbeiten. Aber wenn du mich fragst...“ Herr Sander beugte sich zu seinem Sohn vor. „...Dann steht sie die ganze Zeit vor dem Kleiderschrank, um sich ein passendes Outfit für die Party am Freitag herauszusuchen.“ „Hältst du sie für so oberflächlich?“ Fabian betrachtete das Apfelskelett in seiner Hand. „Wie viele Leute kommen denn?“ „Ich weiß gar nicht. Aus Berlin kommen Weimers und Ziemanns. Die kennst du ja. Und ein paar von unseren neuen Nachbarn, die deine Mutter eingeladen hat“, antwortete sein Vater und strich sich über die Überreste seiner schwarz – grauen Haarpracht. „Ich habe wirklich keine Ahnung. Sag mal, sind deine Lehrer denn auch nett?“ Fabian nickte. „Sehr. Und ich komme auch ganz gut mit. Am Sonntag ist übrigens ein Freundschaftsspiel von meiner Mannschaft. Trainer ist übrigens mein Deutschlehrer“, erzählte Fabian. „Ach, wirklich?“, hakte Herr Sander interessiert nach. „Vielleicht kann der ja noch Sponsoren gebrauchen. Da ließe sich bestimmt was machen.“ „Oh nein, nicht wieder die Sponsorgeschichte!“, stöhnte Fabian. „Das hat mich in Berlin schon so genervt!“ „Wieso das denn?“, wollte sein Vater überrascht wissen. „Naja, irgendwie finde ich es nicht so toll, wenn ich in der Mannschaft spiele und mein Vater den großen Macker macht“, erklärte Fabian. „Weißt du, das läßt doch an meinen spielerischen Fähigkeiten zweifeln.“ „Ich verstehe schon. Aber schade drum ist es trotzdem. Hätte bestimmt was werden können“, meinte Herr Sander schulterzuckend. „Ist ja auch nett gemeint. Aber halt dich da lieber raus.“ „OK, wie du meinst.“ „Und ich geh jetzt mal hoch. Hausaufgaben machen.“ Fabian stand auf und verließ das Wohnzimmer. Sein Vater sah ihm nach und seufzte ein wenig enttäuscht. Er hätte so gerne wieder etwas gehabt, was ihm seinen Sohn näher gebracht hätte.

Völlig übermüdet fiel Fabian an diesem Abend ins Bett. Sein Wecker neben seiner Schlafstätte sagte ihm, daß es bereits kurz vor zwölf war. Die paar Hausaufgaben, die er hatte erledigen müssen, hatten eben doch ihre Zeit gebraucht. Dann noch ein bißchen gelesen, das läpperte sich schließlich doch. Und nun ließ er den vergangenen Tag noch einmal Revue passieren. So viele neue Eindrücke. Und er hatte gleich zwei neue Freunde gewonnen, auch wenn er sich zugegebenermaßen nicht gerade einladend verhalten hatte. Aber manchmal war es besser, sich zu distanzieren und keine überstürzten Freundschaften einzugehen. Das hatte Fabian mit der Zeit gelernt. Doch Britta und Uli schienen es ernst zu meinen. Sie waren auch nicht oberflächlich, doch wahrscheinlich kam er selbst anderen Leuten oft so vor und das wußte er auch. Vielleicht wirkte er eingebildet und wie ein Angeber. Nachdenklich drehte sich Fabian auf die Seite und schloß die Augen. War seine Art wirklich von Vorteil? Er war ja eigentlich nicht so, wie er sich gab. Das wirkte wahrscheinlich so abweisend auf seine Mitmenschen. Nein, wenn er so nachdachte, kam es ihm so vor, als würde es ihm wenig nützen, den großen wilden Mann zu spielen. Aber es gab natürlich Situationen, da mußte er einfach so sein. Aber vor seinen Freunden und allen, die es werden sollten, nützte das gar nichts. Bevor er einschlief, beschloß Fabian, seine hochmütige Art auf diese wesentlichen Situationen zu beschränken.