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Ein paar Minuten vor Beginn des Trainings kamen Fabian, Britta und Uli am
Sportplatz an. Fabian stellte das Auto neben die anderen, die schon auf dem
Parkplatz standen. Du mußt dich schnell umziehen, meinte
Uli. Es ist gleich vier. Und Herr Teschner haßt Unpünktlichkeit.
Gut, sagt Fabian. Wenn er zu spät käme, würde ihm
wieder Aufmerksamkeit zuteil werden. Wie? Gut? Gut, dann
beeile ich mich. Wir gehen am besten schon mal zur Tribüne
auf dem Platz, sagte Britta. Du findest dich doch bestimmt zurecht?
Sicher, geht nur. Bis gleich. Fabian schlenderte auf das Gebäude
zu, das die Umkleidekabinen und Duschen beherbergte. Er suchte seinen Weg
zu den Räumen der Jungen. Nach einer Weile fand er diese. Er betrat die
Umkleide und stellte fest, daß schon alle auf dem Platz sein mußten,
denn außer den Klamotten der Spieler befand sich nichts und niemand
mehr dort. Gemütlich und ohne sich zu beeilen sah sich Fabian noch einen
Moment um. Dann machte er sich daran, sich umzuziehen. Als er fertig damit
fertig war, zeigte seine Uhr schon zehn nach vier. Fabian lächelte, holte
tief Luft und verließ die Umkleide durch eine Tür, die zum Sportplatz
führte. Er sah draußen in einiger Entfernung einige junge Männer
ihre Runden auf dem Rasen laufen. Und er sah Herrn Teschner, der etwas abseits
stand und Anweisungen gab. Auf der Tribüne rechts neben dem Feld saßen
Britta und Uli, die ihm zuwinkten. Fabian nickte zurück und schlenderte
auf seinen Lehrer zu. Herr Teschner? Da bin ich. Der Angesprochene
sah ihn kurz prüfend an. Dann blickte er auf seine Uhr. Also, wenn
sie hier spielen wollen, dann müssen sie pünktlich sein. Sonst haben
sie gar keine Chance, sagte er mahnend. OK. Tut mir leid.
Fabian sah zu Boden. Die Aktion war nicht ganz so gelaufen, wie er sich das
vorgestellt hatte. Keine perfekte Begrüßung. So, jetzt schließen
sie sich am besten mal den Jungs an. Aufwärmen ist angesagt, meinte
Herr Teschner. Fabian nickte, joggte locker auf die Gruppe Jugendlicher zu
und schloß sich nach Anweisung an. Hey!, keuchte einer der
Jungen. Bist du neu? So siehsts wohl aus, erwiderte
Fabian. Ich will hier mitspielen. Herr Teschner sieht sich an, wie ich
spiele. Sein Gesprächspartner nickte nur, da das Laufen ihn doch
ziemlich beanspruchte. Fabian warf einen Blick auf seinen Lehrer, der immer
noch mit verschränkten Armen am Feldrand stand und die Gruppe beobachtete.
Fabian biß sich auf die Lippen und lief schneller, bis er sich an die
Spitze des Feldes gesetzt hatte. Dank seiner guten Kondition hielt er sein
Tempo durch, bis Herr Teschner seine Trillerpfeife benutzte, um den Jungs
eine Pause zu gönnen. Alle blieben erleichtert und angestrengt auf dem
Rasen stehen. Herr Teschner gesellte sich zu ihnen. So, Leute. Dehnen!
Wie er es sagte, wurde es getan. Nachdem auch das abgehandelt war, sagte der
Lehrer: Letztes Mal haben wir soviel andere Übungen gemacht, da
sind wir gar nicht zum Spielen gekommen. Das holen wir heute nach. Zustimmendes
Gemurmel wurde in der Gruppe laut. Das ist Fabian, stellte er
den genannten vor. Er will hier zeigen, was er so draufhat. Wenn Holger
weggeht, brauchen wir schließlich einen guten Mann im Sturm. Ist
er gut?, fragte ein recht großer Typ kaugummikauend skeptisch.
Eben das werden wir ja gleich sehen. Herr Teschner nickte Fabian
zu. Richtig. Ich war auch in Berlin Stürmer. Großstadtjunge,
wie? Der Typ sah ihn abfällig an. Genau. Fabian schnitt
eine Grimasse in seine Richtung. Nicht quatschen Jungs, spielen! Aufstellung
wie immer! Herr Teschner klatschte in die Hände, teilte die Jungen
in zwei Mannschaften ein und erklärte Fabian noch schnell seine Position.
Dann verließ er das Spielfeld wieder. Fatzke, murmelte der
Kaugummi Junge zu Fabian, der in der gegnerischen Mannschaft spielte.
Warts ab, sagte Fabian und lächelte überlegen.
Da ertönte auch schon wieder der schrille Pfeifton. Das Spiel konnte
beginnen. Fabians Debüt war nicht anders als mit dem Wort grandios zu
bezeichnen. Er war schnell, schneller als die meisten seiner Mitspieler und
es verflüchtigten sich bald die Bedenken, er könnte vielleicht nicht
mithalten. Er erdribbelte sich Ball um Ball und schoß unter den Anfeuerungsrufen
seiner zwei Anhänger auf der Tribüne zwei Tore in einer halben Stunde.
Dann brach Herr Teschner das Spiel ab. Erledigt fiel Fabian auf den Rasen
und schloß die Augen. Er hörte sein Herz laut in seiner Brust schlagen
und sein Atem raste genauso dahin. Er war noch in guter Form, hatte aber schon
längere Zeit nicht mehr gespielt. Hey. Fabian öffnete
die Augen. Über sich sah er den Jungen, der ihn vorhin dumm angemacht
hatte. Dieser keuchte ebenfalls und streckte Fabian die Hand hin. Gutes
Spiel. Fabian zögerte kurz, ergriff dann aber doch die angebotene
Hand und ließ sich hochziehen. Danke. Du bist auch nicht schlecht.
Tut mir leid wegen vorhin. Du kamst mir nur so vor wie ein ziemlicher
Angeber. Große Klappe nichts dahinter, du weißt schon, entschuldigte
sich der Typ. Ich bin Matthias. Fabian Sander, stellte
sich Fabian erneut vor. Meine Herren, zusammenkommen bitte!, rief
Herr Teschner und auch die beiden gingen auf den Trainer zu. Das Spiel
hat mir gefallen. Wenn ihr immer so spielt. Was haltet ihr von unserem Neuzugang?,
fragte er in die Runde. Ziemlich gut. Und schnell,
kamen so die Antworten von den Jungen. Das meine ich auch. Herr
Teschner nickte Fabian anerkennend zu. Ich denke, er ist ein würdiger
Ersatz für Holger. Ja, Holgi würde sich freuen, daß
ein so guter Spieler seinen Platz einnimmt, meinte Matthias. Danke
Leute, sagte Fabian, erstmals verlegen aufgrund so vieler netter Worte.
Machen wir früher Schluß heute. Weil ihr so gut wart,
sagte der Trainer mit Blick auf die Uhr. Die zehn Minuten lohnt es sich
nicht mehr. Ohne weitere Aufforderung verließen die Jungen den
Platz. Bis auf Fabian. Der trat auf seinen Lehrer und jetzt auch Trainer
zu. Sie wollen mich also mitspielen lassen?, fragte er.
Wie gesagt, sie sind gut. Und ein passender Ersatz. Herr Teschner
nickte. Fabian strahlte. Vielen Dank. Ich freue mich, daß ich
ihnen gefallen habe. Seine Augen blitzten auf. Nichts zu danken.
Danken sie höchstens sich selber, sagte Herr Teschner. Trauen
sie sich zu am Sonntag bei einem Freundschaftsspiel mitzuspielen?
Eine Mannschaft aus Königslutter hat angefragt. Natürlich.
Ich bin fit wie ein Turnschuh, meinte Fabian lächelnd. Das
ist gut. Einzelheiten erfahren sie noch am Mittwoch. Denken sie dran, gleicher
Ort, gleiche Zeit. Herr Teschner drehte sich um und wollte gehen, doch
er wandte sich noch kurz an Fabian: Aber dann pünktlich.
Sicher. Fabian sah ihm noch nach. Dann machte er einen Luftsprung,
um seiner Freude endlich Ausdruck zu verleihen. Er war gut. Er war der Beste.
Das hatte er bewiesen. Mit diesem Gefühl von Zufriedenheit machte er
sich auf den Weg in Richtung Umkleide. Doch vorher zeigte er seinen Zuschauern
auf der Tribüne einen enthusiastisch erhobenen Daumen, woraufhin diese
noch einmal jubelten und grölten. Wir sehen uns am Auto!,
rief Fabian ihnen zu und lief zu den Räumen, um sich umzuziehen.
Du hast es wirklich geschafft. Britta ließ sich auf den
Sessel in Fabians Zimmer fallen. Kompliment. Ich sagte doch,
ich bin gut, sagte Fabian und nahm neben Uli auf dem Sofa Platz, der
den Hund auf dem Schoß hatte. Hätte ich dir gar nicht zugetraut,
meinte Uli.
Na, vielen Dank. Fabians Mundwinkel zuckten beleidigt. Hey,
nimms nicht so schwer, sagte Britta. Er hatte eben das typische
Angebervorurteil. Bei uns auf der Schule gibt es eben total viele,
die große Sprüche klopfen, aber nichts im Kopf oder sonst was zu
verkaufen haben, erklärte Uli. Tja, ich bin aber wohl keiner
von denen. Dann bist du aber eine große Ausnahme.
Kann sein. Ich glaube, ich muß jetzt mal langsam gehen,
sagte Britta nach einer Weile. Ich habe noch Aufgaben rumliegen. Außerdem
schreiben wir morgen wirklich mal einen Englischtest. Grammatik, was immer.
Ich komme dann mit, meinte Uli. Soll ich euch nach Hause
bringen?, wollte Fabian wissen und stand auf. Wo ihr ja einen
etwas weiteren Weg habt, denke ich mal. Das wäre total nett,
nahm Britta das Angebot an. Ja, finde ich auch. Sie wohnt nicht weit
von mir, meinte Uli. Alles klar. Dann gehen wir mal, meinte
Fabian. Hey, ich fands nett bei dir, sagte Britta noch,
bevor sie das Zimmer verließen. Das nächste Mal kommst du
zu mir!
Als Fabian die Haustür aufschloß, hörte er gleich die Stimme
seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Er entschied sich, diesen erst mal zu begrüßen.
Tagsüber bekam er ihn selten zu Gesicht. Als Besitzer einer Kaufhausketten
hatte er eben doch viel zu tun, entgegen vieler Annahmen. So wie Fabian das
Wohnzimmer betrat, sah er, daß sein Erzeuger in ein Telefongespräch
verwickelt war. Dennoch begrüßte er seinen Sohn, indem er die Hand
hob. Fabian nickte ihm zu und ließ sich auf eines der Ledersofas sinken.
Dann nahm er sich einen roten Apfel aus der Obstschale, die vor ihm auf dem
Tisch stand und biß hinein. Da kam auch schon der Hund ist das Wohnzimmer
gerannt und sprang neben Fabian auf die Couch. Gierig schaute Herkules in
Richtung Apfel. Fabian sah seinen Hund an. Hör mal, das magst du
nicht, sagte er leise, um das Gespräch seines Vaters nicht zu stören.
Doch der Hund schien davon unbeeindruckt und starrte weiter wie hypnotisiert
auf die Frucht. Na gut, aber du wirst es nicht mögen. Fabian
teilte ein Stück von dem Apfel ab und hielt es dem Hund hin. Der schnappte
es, ohne auch nur vorher daran zu schnüffeln und raste aus dem Wohnzimmer.
Seid wann frißt der Hund Äpfel?, fragte Herr Sander,
der sein Telefonat soeben beendet hatte. Frag mich nicht. Vielleicht
liegts an der Luft hier, vermutete Fabian. Wie war dein
erster Tag?, wechselte sein Vater das Thema. Gut. Ich habe gleich
ein paar nette Leute kennengelernt, erwiderte Fabian. Hat mir
deine Mutter schon erzählt. Waren ihr auch sympathisch. Und sie hat mir
auch von dem Vorspiel erzählt. Wolfgang Sander sah ihn gespannt
an. Wie ist es gelaufen? Ich bin im Team, antwortete
sein Sohn. Also war ich wohl gut. Glückwunsch,
sagte Herr Sander. Da kann ich ja stolz auf dich sein. Aber ich weiß
natürlich, warum du wieder in ein Team wolltest. Ach ja?
Fabian schaute überrascht. Und wieso? Na, damit du
dir leicht bekleidete, muskulöse Männer ansehen kannst. Sein
Vater lächelte spöttisch. Blödmann, sagte Fabian
beleidigt. Du weißt doch, wie gerne ich spiele. Kommt
ganz drauf an, was, scherzte sein Erzeuger. Hey, habe ich jemals
einen Fußballspieler angeschleppt und euch vorgestellt? Außer
als Kumpel?, wollte Fabian wissen. Nein, nein, ich ärgere
dich doch nur, winkte sein Dad ab. Du weißt, daß ich
das nicht mag, meinte Fabian OK, tut mir leid, entschuldigte
sich der 48jährige. Gut. Wo ist Mama? fragte Fabian.
Sie hat noch zu arbeiten. Aber wenn du mich fragst... Herr Sander
beugte sich zu seinem Sohn vor. ...Dann steht sie die ganze Zeit vor
dem Kleiderschrank, um sich ein passendes Outfit für die Party am Freitag
herauszusuchen. Hältst du sie für so oberflächlich?
Fabian betrachtete das Apfelskelett in seiner Hand. Wie viele Leute
kommen denn? Ich weiß gar nicht. Aus Berlin kommen Weimers
und Ziemanns. Die kennst du ja. Und ein paar von unseren neuen Nachbarn, die
deine Mutter eingeladen hat, antwortete sein Vater und strich sich über
die Überreste seiner schwarz grauen Haarpracht. Ich habe
wirklich keine Ahnung. Sag mal, sind deine Lehrer denn auch nett? Fabian
nickte. Sehr. Und ich komme auch ganz gut mit. Am Sonntag ist übrigens
ein Freundschaftsspiel von meiner Mannschaft. Trainer ist übrigens mein
Deutschlehrer, erzählte Fabian. Ach, wirklich?, hakte
Herr Sander interessiert nach. Vielleicht kann der ja noch Sponsoren
gebrauchen. Da ließe sich bestimmt was machen. Oh nein,
nicht wieder die Sponsorgeschichte!, stöhnte Fabian. Das
hat mich in Berlin schon so genervt! Wieso das denn?, wollte
sein Vater überrascht wissen. Naja, irgendwie finde ich es nicht
so toll, wenn ich in der Mannschaft spiele und mein Vater den großen
Macker macht, erklärte Fabian. Weißt du, das läßt
doch an meinen spielerischen Fähigkeiten zweifeln. Ich verstehe
schon. Aber schade drum ist es trotzdem. Hätte bestimmt was werden können,
meinte Herr Sander schulterzuckend. Ist ja auch nett gemeint. Aber halt
dich da lieber raus. OK, wie du meinst. Und ich geh
jetzt mal hoch. Hausaufgaben machen. Fabian stand auf und verließ
das Wohnzimmer. Sein Vater sah ihm nach und seufzte ein wenig enttäuscht.
Er hätte so gerne wieder etwas gehabt, was ihm seinen Sohn näher
gebracht hätte.
Völlig übermüdet fiel Fabian an diesem Abend ins Bett. Sein
Wecker neben seiner Schlafstätte sagte ihm, daß es bereits kurz
vor zwölf war. Die paar Hausaufgaben, die er hatte erledigen müssen,
hatten eben doch ihre Zeit gebraucht. Dann noch ein bißchen gelesen,
das läpperte sich schließlich doch. Und nun ließ er den vergangenen
Tag noch einmal Revue passieren. So viele neue Eindrücke. Und er hatte
gleich zwei neue Freunde gewonnen, auch wenn er sich zugegebenermaßen
nicht gerade einladend verhalten hatte. Aber manchmal war es besser, sich
zu distanzieren und keine überstürzten Freundschaften einzugehen.
Das hatte Fabian mit der Zeit gelernt. Doch Britta und Uli schienen es ernst
zu meinen. Sie waren auch nicht oberflächlich, doch wahrscheinlich kam
er selbst anderen Leuten oft so vor und das wußte er auch. Vielleicht
wirkte er eingebildet und wie ein Angeber. Nachdenklich drehte sich Fabian
auf die Seite und schloß die Augen. War seine Art wirklich von Vorteil?
Er war ja eigentlich nicht so, wie er sich gab. Das wirkte wahrscheinlich
so abweisend auf seine Mitmenschen. Nein, wenn er so nachdachte, kam es ihm
so vor, als würde es ihm wenig nützen, den großen wilden Mann
zu spielen. Aber es gab natürlich Situationen, da mußte er einfach
so sein. Aber vor seinen Freunden und allen, die es werden sollten, nützte
das gar nichts. Bevor er einschlief, beschloß Fabian, seine hochmütige
Art auf diese wesentlichen Situationen zu beschränken. |