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David Brandner, hätten sie wohl auch die Güte dem Unterricht
zu folgen? David Brandner blickte auf und sah den Biologielehrer, der
vor ihm stand mit schläfrigem Blick an. Entschuldigung, was bitte?
Würden sie mir die Freude machen, David, uns auch mit Ihrer geistigen
Anwesenheit zu erfreuen? Klar, sicher. David stützte
den Kopf auf die Hände und gähnte. Dann können wir ja
beruhigt fortfahren. Herr Klein drehte sich um und wandte sich wieder
dem Tafelbild Vererbung zu. David folgte der restlichen Stunde
an diesem Freitag morgen mit gemäßigter Aufmerksamkeit.
Hey Brandner! David drehte sich um. Er blieb auf dem Gang stehen.
Sein Jahrgangskamerad Florian stand neben ihm. Wenn ich etwas erwähnen
dürfte...du siehst furchtbar aus. Er grinste. David sah ihn mit
zusammengekniffenen Augen an. Ach, komm, zieh Leine! War
ja nicht so gemeint! Aber es gibt da einen Zustand, der nennt sich Schlaf.
In den solltest du gelegentlich mal übergehen!, sagte Florian.
Willst du mir jetzt gute Ratschläge geben oder...? Nein,
was ich dich eigentlich fragen wollte..., begann Florian. Du willst
Geld., mutmaßte David mit hochgezogenen Augenbrauen. Florian ließ
David ein positives Lächeln zuteil werden. Ja, weißt du,
du hast doch immer Kohle. Hätte ich so einen spendablen Vater wie du
- Mach mal halblang., unterbrach David seinen Kumpel. Mein
Vater und großzügig. Das kannst du vergleichen mit Feuer und Wasser.
Aber egal. Wieviel brauchst du diesmal? Ein zwanziger tuts
schon. Ach, wie freundlich. David holte sein Portemonnaie
hervor und zog einen Zwanzigmarkschein heraus. Danke! Florian
griff nach dem Geld, doch David zog den Schein zurück. Wofür...?
Ich hab Katja versprochen sie heute auszuführen. Aha,
kein Geld, aber vor den Mädels den Dicken machen oder wie? David
schüttelte den Kopf und reichte seinem Freund das Geld. Danke David.
Deine Gesamtschulden belaufen sich jetzt auf genau 124, 60 DM.
Hui, soviel? Florian rieb sich die Stirn. Du kriegst es
wieder. Klar, in ewig und drei Tage. David nickte weniger
zuversichtlich. Was ist denn eigentlich mit dir los? Wie gesagt, du
siehst nicht gerade gut aus - Hatten wir das Thema nicht schon
mal? fragte David genervt. Ja, ja, aber warum haust du dich so
spät in die Falle? Oder hast du etwa solange für Geschichte gelernt?
David wandte Florian langsam seinen Kopf zu. Oder hast du das etwa...?
David stemmte die Hände in die Hüften. Vergessen, scheiße!
David rieb sich die Augen. Wie konnte ich das nur verschwitzen?
Vielleicht weil du ständig den ganzen Schultag verpennst?
Spar dir deine tollen Sprüche, ja? Florian warf die Hände
in die Luft. Ich hab nichts gesagt. Also, noch mal danke für die
Kohle. Er drehte sich um und ging den Gang in entgegengesetzter Richtung
herunter. David blieb ratlos stehen. Inzwischen hatte es längst geklingelt,
er hatte Mathe. Und danach war Geschichte.
In Davids Kopf hatte sich ein großes Vakuum gebildet. Er saß vor
seiner Geschichtsarbeit und malte kleine Männchen auf sein DIN - A4 Blatt.
Er hatte keine Ahnung, was der Lehrer von ihm wollte. Er verstand ja noch
nicht mal die Fragen, wie sollte er da denn die richtigen Antworten herausfinden.
Er sah sich im Klassenraum um. Die anderen schrieben eifrig, nur eh hatte
noch nichts auf dem Papier außer seinem Namen und dem Datum des Tages.
Er sah auf seine Rolex. Noch 10 Minuten. Es hatte alles keinen Zweck. David
stand auf, nahm seine Zettel und gab sie dem Geschichtslehrer, Herrn Reichmann.
Der warf einen kurzen Blick darauf und sah dann David an. Was hat das
zu bedeuten? David zuckte mit den Schultern und verließ den Klassenraum.
Er ging den langen Gang hinunter, bis er zum Jungenklo kam. Er riß die
Tür auf und trat ein. Er ging zu den Waschbecken und betrachtete sich
im Spiegel darüber. Er zupfte an seinen blondierten Haarfransen herum,
unter denen schon der schwarze Ansatz hervorlugte. Seine braunen Augen hatten
etwas an Glanz verloren in den letzten Wochen, seine Haut ließ ebenfalls
ziemlich blaß anmuten. Er drehte den Wasserhahn auf und schleuderte
sich das kalte Wasser ins Gesicht. Er sah sich wieder an. Das Wasser tropfte
von seiner Nase, von seinem geöffneten Mund. Er mußte an Geschichte
denken. Das wurde eine dicke fette sechs. Fuck., entfuhr es ihm.
Fuck. Wütend trat er gegen den Mülleimer, der unter
den Waschbecken stand. Da hörte er eine Klospülung rauschen. Er
verharrte einen Moment, dann sah er hinter sich jemanden im Spiegel. Alles
klar bei dir? David drehte sich um und musterte den Typen. Richtig,
Mark Stern aus seinem Chemie LK und aus dem Deutsch Grundkurs. Sicher.,
erwiderte David. Ich hab nur gerade meinen Geschichtstest versemmelt.
Oh. Das tut mir leid. Mark ging zum Waschbecken und wusch sich
die Hände. Er korrigierte noch schnell eine seiner braunen Haarsträhnen
und sah sich in die blauen Augen. Dann drehte er sich um und lehnte sich an
das Porzellanwaschbecken. So schlimm? David nickte. Meine
9 Punkte kann ich vergessen. Dafür bist du in Chemie ein
Genie. Das reimt sich sogar. Mark lächelte. Das solltest
du einschicken, damit räumst du sämtliche Gedichtpreise ab.,
zischte David gereizt. OK, sorry. Ich muß jetzt sowieso gehen.
Mit diesen Worten verließ Mark die Örtlichkeit. David und sein
Ärger blieben alleine zurück.
David stützte sich in seinem Bett auf und sah auf den Wecker. Dieser
zeigte kurz nach 23 Uhr. Er stand auf und ging durch sein Zimmer zur Tür.
Er öffnete sie und lauschte. Kein Geräusch ließ sich aus dem
geräumigen Einfamilienhaus hören. Leise schloß er die Tür
und ging zu seinem Schreibtisch. Er schloß eine der Schubladen auf und
holte eine Packung Zigaretten heraus. Dann nahm er seine Jacke von einem Sessel
und zog sie über. Er warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel,
bevor er das Zimmerfenster an der Südseite öffnete und sich hinausschwang.
Er konnte leicht an einigen Säulen und Pfosten hinabklettern. Auf dem
Grasboden angekommen, steckte er sich eine der West - Zigaretten an. Dann
ging er in Richtung Straße.
Es war Sonntag abend. David lehnte sich gegen eine Hauswand. Ein Blick auf
die Uhr sagte ihm, daß es schon kurz nach halb eins war. Er begann,
nervös auf dem Bürgersteig herumzuwandern. Ständig fuhren Autos
an der viel befahrenen Straße vorbei. Einige Meter weiter rechts standen
einige leicht bekleidete Damen, denen man ansah, daß die Kälte
ihnen zu schaffen machte. David ließ seinen Blick über den sternklaren
Himmel schweifen. Durch ein leicht quietschendes Geräusch wurde er aufgeschreckt.
Er zog an seiner Zigarette, warf sie daraufhin auf den Boden und ging zu dem
roten Kombi, der an der Straße angehalten hatte. David lehnte sich zum
geöffneten Beifahrerfenster herunter. Er sah sich den Mann auf dem Fahrersitz
prüfend an. Er schätzte ihn auf Mitte vierzig. Der Ring an dem dafür
bestimmten Finger verriet den Ehemann. Wieviel?, fragte der Fahrer
mit leicht nervös - rauchiger Stimme. Hundert, mit allem drum und
dran., erwiderte David mit kühler Geschäftsmiene. Der Mann
überlegte kurz, dann folgte das OK. David öffnete die
Beifahrertür und ließ sich auf den Polstersessel sinken. Er konnte
die Häuserwände an sich vorbei schwimmen sehen, als sie die Straße
entlang fuhren.
Gnadenlos klingelte um kurz vor sieben der Wecker. David öffnete die
Augen und tastete nach dem Gerät. Mit einem gezielten Schlag setzte er
den Zeitanzeiger außer Gefecht. Er setzte sich auf. Ihm kam es vor,
als hätte er nur einige Minuten geschlafen. Viel mehr war es auch nicht
gewesen, vielleicht vier Stunden. Er warf einen Blick auf den Nachttisch.
Er öffnete die Schublade und nahm fünf Hundertmarkscheine heraus,
die darauf warteten, im Schreibtisch eingeschlossen zu werden. David!,
hörte der Achtzehnjährige von unten seine Mutter rufen. Ich
komme ja gleich!, rief David zurück, stand auf und verstaute das
Geld in seinem Schreibtisch. Er streckte sich. Mal wieder war eine Nacht zuende
gegangen, ein neuer Schultag stand ihm bevor. Er nahm seine zusammengeknüllten
Anziehsachen aus seinem Kleiderschrank und zog sich an. Im Bad traf er anschließend
seinen jüngeren Bruder Alexander. Weg., sagte David herrisch
und wedelte mit der Hand. Ich geh ja schon., brummte der Sechszehnjährige
zurück und verließ das Badezimmer. David stieß mit dem Fuß
die Tür zu und wand sich wie sooft seinem Spiegelbild zu, das nicht gerade
attraktiv anmuten ließ. Die schwarzen Ringe unter seinen Augen waren
noch dunkler geworden und seine Haut sah aus, als würde sie jeden Moment
in sich zusammenfallen. David hielt seinen Kopf unter das kalte Wasser. Er
dachte noch einmal an letzte Nacht. Eigentlich war nichts besonderes passiert.
Er drehte den Wasserhahn ab und trocknete sich in einem Frotteehandtuch das
nasse Gesicht. Er fuhr sich durch die feuchten Haarsträhnen. Dann verließ
er das Bad, um mit seiner Familie zu frühstücken.
Am Eßzimmertisch saßen schon seine Mutter, sein Vater und sein
Bruder. Er nahm neben seinem Erzeuger Platz. Wie jeden morgen war der wieder
in einen schwarzen Anzug mit passender Krawatte gekleidet, um wie immer seiner
Arbeit als Manager einer ortsansässigen Computerfirma nachzugehen. Er
warf einen Blick über die Zeitung auf seinen ältesten Sohn. Du
solltest früher ins Bett gehen., bemerkte er in seinem üblich
scharfen Ton. Ja, Massa., murmelte David. Wolltest du etwas
sagen?, fragte sein Vater mit zusammengezogenen Augenbrauen. Nein.
David schüttelte den Kopf und schenkte sich selbst eine Tasse Kaffee
ein. Dein Vater hat recht., sagte seine Mutter in ihrer Funktion
als unterstützende Ehefrau. Du brauchst viel Schlaf. Sie
stand vom Tisch auf, um neuen Kaffee zu holen. David sah ihr nach. Perfekte
Hausfrau. Er stürzte seinen Kaffee hinunter, um möglichst schnell
von der Familienidylle zu verschwinden.
Auf dem Weg zur Schule überlegte David, ob heute mal wieder eine Arbeit
anstand, die er zufällig vergessen hatte. Nein, heute hatte er wohl Glück.
Er griff reflexartig in seine Jackentasche, um festzustellen, daß er
keine Zigaretten mehr hatte. Alles suchen und kramen half nichts, seine Hände
förderten nichts zutage außer ein bißchen Müll. Er sah
sich um. Braunschweig war so groß, aber kein einziger Zigarettenautomat
in der Nähe. Und hinter der nächsten Ecke war schon das Schulgebäude.
David mußte es also wohl oder übel etwas ohne seine Kippen aushalten.
In der Raucherecke war um kurz vor halb acht noch nicht viel los, also bestand
noch keine Hoffnung für David auf eine geschnorrte Zigarette. Nervös
scharrte David auf dem sandigen Pflaster. Nach einer endlosen Viertelstunde
konnte David endlich Florian und somit auch einige Glimmstengel anradeln sehen.
Hey Florian!, rief David. Hast du mal ne Kippe für
mich? David atmete auf, als er Florians zustimmendes Nicken sah. Er
ging ihm entgegen und erhielt sein nötige Ration Nikotin in Form einer
Zigarette der Marke West - ohne. Beide begaben sich in die Raucherecke. David
setzte sich auf eine Holzbank. Ist heute irgendwas? Von wegen Arbeiten?
Florian schüttelte den Kopf. Aber ich würde trotzdem aufpassen.
Heute ist die vorletzte Stunde vor der Bioarbeit. David nickte. Er sah
von weitem einen Typen, der ihm bekannt vorkam. Als dieser näherkam,
erkannte David, daß es Mark Stern war. Der grüßte ihn, als
er an der Raucherecke vorbeiging. David sah ihm nach, ebenso Florian. Kennst
du den?, wollte der wissen. David nickte wieder. Hm. Ach, ich
wollte dir noch von gestern abend erzählen. Tu, was du nicht
lassen kannst., war Davids Kommentar. Ich sag dir, Katja ist echt
scharf., schwärmte Florian. Total gut drauf und voll locker,
in jeder Beziehung. Florian grinste. Verschon mich mit den Details.
David hustete. OK, aber ich wollte noch sagen: Miriam, du weißt
schon, Miriam Waidmann, die Tochter von der Bio_Waidmann, die ist ganz heiß
auf dich, hat Katja gesagt. Überaus interessant., meinte
David teilnahmslos. Was ist denn los mit dir? Du bist doch sonst immer
der, der von den ganzen Weibern umlagert wird. Und das hat dich bisher doch
nicht so gestört. Florian sah David fragend an. Ich hab einfach
nicht den Nerv dazu, im Moment, alles klar? David trat seine Zigarette
aus. Ich hab gleich Deutsch und deshalb gehe ich jetzt. Er ließ
seinen Freund in der Raucherecke stehen.
Was also eure heutige Aufgabe sein soll... Herr Kroll, von Beruf
Deutschlehrer, setzte sich auf das Lehrerpult. Schreibt ein Gedicht.
Unwilliges Murren schlug ihm entgegen. Ja, ja, ich weiß, nicht
gerade eure Lieblingsbeschäftigung, aber besser als Grammatik oder?
Und worüber soll das Gedicht sein?, richtete sich eine Frage
an ihn. Worüber ihr wollt. Alles ist erlaubt. Und wie
lang? Ist auch euch überlassen, aber schreibt mir keinen
Schwachsinn, geballt in einem oder zwei Worten, OK? OK.
Es klingelte. David stand auf und wollte den Raum verlassen, als Mark ihn
ansprach. Tolle Aufgabe, was? Hm? Ja, toll. Vielleicht
nehme ich das Chemiegenie - Gedicht. Mark grinste ihn freundlich an.
Mach doch, wenns dir Spaß macht. David ging aus dem
Raum, aber Mark war er noch nicht los geworden. Bist du heute abend
auch im Rodeo? Wo bin ich?, wollte David wissen.
Der neue Laden in der Weststadt., erklärte Mark. Mal
sehen, glaube nicht. David beschleunigte seinen Gang, um seinen Verfolger
endlich loszuwerden. Mark verstand den Wink, drehte sich um und ging seines
Weges.
Sag mal, weißt du was von einem neuen Laden in der Weststadt?
David sah Florian an, der in Bio neben ihm saß. Das wollte ich
dir ja vorhin noch erzählen, aber du warst so schnell weg. Könnten
die Herren wohl auch mal zuhören? Frau Meyer, ihre Lehrerin sah
sie an. Entschuldigung., sagte Florian. Also was?
Ja, das Rodeo. Florian hatte seinen Blick bei der
Lehrerin, die mit dem Unterricht fortfuhr. Der ganze Jahrgang redet
davon. Das habe ich gemerkt., sagte David. Und, wie
ist es? Ich weiß nicht, ich war noch nicht da, aber ich
wollte heute mal vorbeischauen. Bist du dabei?, wollte sein Nachbar
wissen. Mal sehen, ob ichs schaffe. Ach, komm schon,
heute ist doch nicht viel zu tun, so wie ich das sehe. Ich muß
für Deutsch son Gedicht schreiben., meinte David. Na
und? Im GK reißt du dir doch sonst auch kein Bein aus, oder. Wie
ich schon sagte, mal sehen, ob ich es hinkriege. Ich ruf dich
an., raunte Florian. |